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Advent Calendar – December 20

– English translation below –

HOME SWEET HOME

Eine weihnachtliche Gipsgeschichte
Teil 5

Als die Tür zu Julias Krankenzimmer aufging, sah sie zuerst ihre Mutter.

Hinter ihr traten ihr Vater und Chrissi ein. Alle drei wirkten ein wenig fehl am Platz in der sterilen Helligkeit des Zimmers, mit ihren Winterjacken, Schals und geröteten Wangen.

Julia brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass sie wirklich da waren.

Julia hatte ihre Eltern nicht selbst benachrichtigt. Der Gedanke daran war ihr schlicht nicht gekommen. Seit dem Unfall fühlte sich alles fragmentiert an, als würde ihr Kopf einzelne Ereignisse zwar registrieren, sie aber nicht richtig miteinander verbinden. Dass Toni Arzt im örtlichen Krankenhaus war, hatte sie vollkommen aus der Bahn geworfen. Dazu kam die Erschöpfung: der Schock, das lange Stillhalten beim Gipsanlegen, das Gewicht des Gipses, der jetzt zu ihr gehörte.

Immerhin war ihr endlich warm.

„Ach du meine Güte“, sagte ihre Mutter leise und trat an das Bett. Sie beugte sich zu Julia herunter, berührte vorsichtig ihre Wange, als wäre sie wieder zehn Jahre alt. „Du Arme.“

Ihr Vater stellte sich an die andere Seite des Bettes, sah erst Julia an, dann den massiven weißen Gips, der unter der Bettdecke hervorschaute. „Du siehst aus wie das Michelin-Männchen“, sagte er und zwinkerte Julia aufmunternd zu.

Chrissi schloss die Tür hinter sich und hielt ein kleines Glas mit einer Kerze hoch. „Ich hoffe, das ist okay“, sagte sie etwas unsicher. „Ich dachte, an Heiligabend…“

Sie zündete die Kerze an und stellte sie auf den kleinen Tisch neben dem Bett. Julias Mutter nahm währenddessen eine Tupperdose aus der Tasche, die sie mitgebracht hatte.

„Eine Portion vom Weihnachtsessen“, erklärte sie, fast entschuldigend. „Wer weiß, was man hier sonst bekommt.“

Der Geruch von vertrautem Essen breitete sich im Zimmer aus, mischte sich mit dem Krankenhausgeruch. Es war ein seltsamer Kontrast – und gleichzeitig tröstlich.

Alle drei zogen ihre Jacken aus und setzten sich auf die Stühle neben dem Bett. Sie sahen Julia an, redeten durcheinander, stellten Fragen, die sie kaum beantworten konnte. Wie es passiert war. Ob sie Schmerzen hatte. Was die Ärzte gesagt hatten.

Julia versuchte mitzuhalten, nickte, antwortete hier und da, verlor dann wieder den Faden. Sie fühlte sich bemitleidet, umsorgt, überfordert, alles gleichzeitig.

„Darf ich mal anfassen?“, fragte Chrissi. Sie strich vorsichtig über das Gipsbein. „Nicht schlecht, da wirst du dir ordentlich Armmuskeln antrainieren, wenn du mit dem schweren Teil an Krücken unterwegs bist.“ Chrissi erzählte, dass viele von der Eisbahn nach ihr gefragt hätten. Dass alle ziemlich geschockt gewesen seien.

Ohne große Vorwarnung stiegen Julia Tränen in die Augen. Sie schämte sich dafür und konnte es doch nicht verhindern. Es war zu viel: der Gips, das Bett, die Kerze, ihre Mutter, die Tupperdose, Chrissis selbstverständliche Art, einfach da zu sein.

„Hey“, sagte Chrissi leise und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Alles gut.“

Julia weinte jetzt richtig. Nicht hysterisch, eher still und erschöpft. Sie fand ihre Eltern in diesem Moment rührend. Sie fand Chrissi unglaublich sympathisch. Der Unfall war ihr peinlich, fast beschämend. Und sie fühlte sich hilflos auf eine Weise, die sie lange nicht gekannt hatte.

Gleichzeitig – und das verwirrte sie am meisten – fühlte sich all das nicht nur schlimm an.

Zum ersten Mal, seit sie in der Heimat angekommen war, hatte sie das Gefühl, wirklich abgeschnitten zu sein von ihrem Berliner Leben. Keine Termine. Keine Nachrichten. Keine Verpflichtungen. Und dieser Gedanke machte ihr überraschend wenig Angst.

Alles hier war so authentisch. Einfach. Ungewohnt nah.

Nach einer Weile merkte sie, wie ihre Konzentration nachließ. Ihre Lider wurden schwer, die Stimmen um sie herum verschwammen.

„Du bist total fertig“, stellte ihre Mutter fest. „Wir gehen jetzt.“

Ihr Vater nickte. „Wir kommen morgen wieder. Dann überlegen wir in Ruhe, wie wir das alles organisieren.“

Chrissi stand auf. „Ich muss auch los. Die Familie wartet. Es ist ja immerhin Heiligabend.“

Sie beugte sich zu Julia herunter und umarmte sie vorsichtig. „Meld dich, ja?“

Julia nickte nur.

Als die drei gegangen waren und die Tür sich wieder schloss, kehrte Stille ins Zimmer zurück. Julia ließ den Kopf zur Seite sinken. Ihr Bein lag schwer und unbeweglich unter der Decke. Ob sie sich damit überhaupt würde fortbewegen können?

Sie schlief ein, noch bevor sie den Gedanken zu Ende denken konnte.

Und schlief durch.

Als Julia aufwachte, war es noch still im Krankenhaus. Das Licht draußen war grau und vorsichtig, als würde der Morgen selbst noch zögern. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war. Dann meldete sich ihr Bein.

Nicht mit Schmerz, eher mit Gewicht. Mit Präsenz.

Sie spürte den Gips, noch bevor sie hinsah. Das feste Umhülltsein, die Grenze, die nicht verhandelbar war. Vorsichtig bewegte sie die Zehen. Es ging – ein kleines, beruhigendes Zeichen von Kontrolle.

Sie atmete ruhiger.

Es klopfte leise an der Tür.

„Hey.“

Toni trat ein, diesmal ohne OP-Kleidung. Er schloss die Tür hinter sich und blieb einen Moment stehen, als wolle er prüfen, wie viel Nähe gerade angebracht war.

„Guten Morgen“, sagte er leise.

„Morgen“, antwortete Julia. Ihre Stimme klang noch verschlafen, aber stabiler als am Abend zuvor.

Er kam näher, sah zuerst sie an, dann ihr Bein. Sein Blick war aufmerksam, nicht wertend. Fast vertraut.

„Wie fühlt es sich an?“

Julia überlegte kurz. „Schwer“, sagte sie dann. „Aber… okay. Anders als ich gedacht hätte.“

Er nickte. „Das passt.“

Er zog einen Stuhl heran und setzte sich. Sie redeten nicht sofort. Es war kein unangenehmes Schweigen, eher eines, das Platz ließ.

„Ich hab’ gestern erst gar nicht richtig realisiert, dass du…“, begann Julia und brach ab.

„Hier arbeitest“, ergänzte er ruhig. „Ja. Ich dachte nicht, dass wir uns so wiedersehen.“

Julia lächelte schief. „Ich auch nicht.“

Sie wechselten ein paar Worte über Belangloses. Über die Nacht. Über den Gips. Über den Plan für die nächsten Tage. Toni erklärte, worauf sie achten musste, was normal war, was nicht. Er sprach sachlich, aber nicht distanziert.
„Schwester Olga kommt nachher, um mit dir kurz das Gehen an Krücken zu üben. Morgen Vormittag kannst du dann nach Hause zu deinen Eltern. Vielleicht richtest du dich in der unteren Etage ein, damit du keine Treppen steigen musst. Das Bein darfst du auf gar keinen Fall belasten. Falls du ein Druckgefühl spürst, ruf bitte unbedingt im Krankenhaus an, dann wird abgeklärt ob du nochmal kommen musst, ok?“

Julia nickte.

Tonis Blick blieb an ihrem Gipsfuß hängen.

„Du hast Glück“, sagte er beiläufig.

„Womit?“

„Mit den Zehen.“ Ein kleines Lächeln. „Der Gips verdeckt alles, aber die zum Glück nicht.“ Julia lachte leise, überrascht. „Zum Glück war ich letzte Woche noch bei der Pediküre.“

Sie bewegte die Zehen ein wenig, fast demonstrativ. Der Nagellack war ein kräftiges, dunkles Rot. Sie hatte nicht über die Optik ihres Beins oder ihrer Zehen nachgedacht, bis jetzt.

Sie unterhielten sich weiter, Toni erzählte von seinem Arbeitsalltag und fragte Julia nach ihrem. Das Gespräch verlief nicht geradlinig. Es sprang. Kleine Erinnerungen. Kurze Fragen. Pausen. Kein großes Nachholen von Jahren. Nur ein vorsichtiges Annähern an das, was jetzt war.  Julia spürte, wie etwas in ihr warm wurde. Nicht aufgeregt, eher ruhig. Wie ein Wiedererkennen.

„Ich bin froh, dass du hier bist“, sagte Toni schließlich, fast nebenbei.

Julia sah ihn an. „Ich auch.“

Als er sich verabschiedete, tat er es ohne Eile. Keine große Geste. Kein Versprechen.

„Wir sehen uns“, sagte er.

„Ja“, antwortete Julia. Und diesmal meinte sie es ganz konkret.

Als er gegangen war, dachte sie noch lange nach. Im Kontrast zur Unbeweglichkeit ihres Gipsbeins kreisten ihre Gedanken rastlos in ihrem Kopf.

Irgendetwas hatte sich verschoben. Nicht dramatisch. Nicht endgültig.

Nur genug, um ihr ein leichtes, ungewohntes Kribbeln im Bauch zu hinterlassen.

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HOME SWEET HOME
A Christmas Cast Story
Part 5

When the door to Julia's hospital room opened, the first person she saw was her mother.

Behind her, her father and Chrissi entered. All three looked a little out of place in the sterile brightness of the room, with their winter coats, scarves, and reddened cheeks.

It took Julia a moment to realize that they were really there.

Julia hadn't notified her parents herself. The thought simply hadn't occurred to her. Since the accident, everything had felt fragmented, as if her head was registering individual events but not connecting them properly. The fact that Toni was a doctor at the local hospital had completely thrown her off track. Added to that was exhaustion: the shock, the long period of lying still while the cast was being applied, the weight of the cast that was now part of her.

At least she was finally warm.

“Oh my goodness,” her mother said quietly and stepped up to the bed. She leaned down to Julia and touched her cheek gently, as if she were ten years old again. “You poor thing.”

Her father stood on the other side of the bed, looking first at Julia, then at the massive white cast peeking out from under the blanket. “You look like the Michelin Man,” he said, winking encouragingly at Julia.

Chrissi closed the door behind her and held up a small glass with a candle in it. “I hope this is okay,” she said, somewhat uncertainly. “I thought on Christmas Eve...”

She lit the candle and placed it on the small table next to the bed. Meanwhile, Julia's mother took a Tupperware container out of the bag she had brought with her.

“A portion of Christmas dinner,” she explained, almost apologetically. “Who knows what else you can get here.”

The smell of familiar food spread through the room, mingling with the hospital smell. It was a strange contrast – and comforting at the same time.

All three took off their jackets and sat down on the chairs next to the bed. They looked at Julia, talked all at once, asked questions she could hardly answer. How it had happened. Whether she was in pain. What the doctors had said.

Julia tried to keep up, nodded, answered here and there, then lost her train of thought again. She felt pitied, cared for, overwhelmed, all at once.

“Can I touch it?” Chrissi asked. She gently stroked the plaster cast. “Not bad, you'll build up some serious arm muscles walking around with that heavy thing on crutches.” Chrissi said that many people at the ice rink had asked about her. That everyone had been pretty shocked.

Without much warning, tears welled up in Julia's eyes. She was ashamed of it, but couldn't help it. It was too much: the cast, the bed, the candle, her mother, the Tupperware container, Chrissi's matter-of-fact way of just being there.

“Hey,” Chrissi said quietly, placing a hand on her arm. “It's okay.”

Julia was now crying properly. Not hysterically, but quietly and exhaustedly. She found her parents touching at that moment. She found Chrissi incredibly likeable. The accident was embarrassing, almost shameful. And she felt helpless in a way she hadn't felt in a long time.

At the same time – and this confused her the most – it didn't all feel bad.

For the first time since she had arrived home, she felt truly cut off from her life in Berlin. No appointments. No messages. No obligations. And surprisingly, this thought did not frighten her.

Everything here was so authentic. Simple. Unusually close.

After a while, she noticed her concentration slipping. Her eyelids grew heavy, the voices around her blurred.

“You're completely exhausted,” her mother said. “We're leaving now.”

Her father nodded. “We'll come back tomorrow. Then we'll take our time and figure out how to organize everything.”

Chrissi stood up. “I have to go too. My family is waiting. It is Christmas Eve, after all.”

She leaned down to Julia and hugged her gently. “Keep in touch, okay?”

Julia just nodded.

When the three had left and the door closed again, silence returned to the room. Julia let her head fall to one side. Her leg lay heavy and immobile under the blanket. Would she even be able to move with it?

She fell asleep before she could finish the thought.

And slept through the night. When Julia woke up, it was still quiet in the hospital. The light outside was gray and cautious, as if the morning itself were still hesitating. For a moment, she didn't know where she was. Then her leg made itself known.

Not with pain, but rather with weight. With presence.

She felt the cast before she even looked. The firm encasement, the boundary that was non-negotiable. She moved her toes cautiously. It worked—a small, reassuring sign of control.

She breathed more calmly.

There was a soft knock at the door.

“Hey.”

Toni entered, this time without surgical scrubs. He closed the door behind him and paused for a moment, as if to gauge how much closeness was appropriate at that moment.

“Good morning,” he said quietly.

“Morning,” Julia replied. Her voice still sounded sleepy, but more stable than the night before.

He came closer, looking first at her, then at her leg. His gaze was attentive, not judgmental. Almost familiar.

“How does it feel?”

Julia thought for a moment. “Heavy,” she said. “But... okay. Different than I would have thought.”

He nodded. “That fits.”

He pulled up a chair and sat down. They didn't talk right away. It wasn't an uncomfortable silence, more one that left room.

“Yesterday, I didn't really realize that you...” Julia began and stopped.

“Work here,” he added calmly. “Yes. I didn't think we'd see each other again like this.”

Julia smiled wryly. “Me neither.”

They exchanged a few words about trivial things. About the night. About the cast. About the plan for the next few days. Toni explained what she had to watch out for, what was normal, what wasn't. He spoke matter-of-factly, but not distantly. "Nurse Olga will come later to practice walking on crutches with you. Tomorrow morning you can go home to your parents. Maybe you can set yourself up on the lower floor so you don't have to climb any stairs. Under no circumstances should you put any weight on your leg. If you feel any pressure, please call the hospital and they will determine whether you need to come back, okay?" Julia nodded.

Toni's gaze lingered on her plaster cast.

“You're lucky,” he said casually.

“With what?”

“With your toes.” A small smile. “The plaster covers everything, but luckily not them.” Julia laughed softly, surprised. “Luckily, I had a pedicure last week.”

She moved her toes a little, almost demonstratively. The nail polish was a strong, dark red. She hadn't thought about the appearance of her leg or her toes until now.

They continued talking, Toni told her about his everyday work and asked Julia about hers. The conversation didn't flow smoothly. It jumped around. Little memories. Short questions. Pauses. No catching up on years. Just a cautious approach to what was now. Julia felt something warm inside her. Not excitement, more a sense of calm. Like recognition.

“I'm glad you're here,” Toni finally said, almost casually.

Julia looked at him. “Me too.”

When he said goodbye, he did so without haste. No grand gesture. No promise.

“See you,” he said.

“Yes,” Julia replied. And this time she meant it quite literally.

After he left, she thought about it for a long time. In contrast to the immobility of her plaster-cast leg, her thoughts circled restlessly in her head.

Something had shifted. Not dramatically. Not permanently.

Just enough to leave her with a slight, unfamiliar tingling sensation in her stomach.

Advent Calendar – December 20

Comments

Hi Alex - sehr lebhaft beschrieben! Alex, die Königin der Geschichtenerzähler! Danke dafür!

Norbert Bredow

Hallo Alex, es ist eine spannende Geschichte.

JensFootage


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