SakeTami
ALEXANDRA FOOTAGE
ALEXANDRA FOOTAGE

patreon


Advent Calendar – December 16

– English translation below –

HOME SWEET HOME

Eine weihnachtliche Gipsgeschichte
Teil 4

Die Fahrt im Krankenwagen verlief stiller, als Julia es erwartet hatte. Das Blaulicht spiegelte sich in den Fenstern vorbeiziehender Häuser, tauchte die Welt in ein unwirkliches Blau, das ihr vorkam wie aus einem Film, den sie nur halb verstand. Ihr Bein war fixiert, jede Erschütterung spürte sie trotzdem bis tief in den Körper hinein.

Im Krankenhaus roch es nach Desinfektionsmittel und Heizungsluft. Stimmen hallten über helle Flure, Schritte, Türen, gedämpfte Durchsagen. Julia wurde auf eine Liege geschoben, Fragen prasselten auf sie ein – Name, Geburtsdatum, Allergien. Sie antwortete automatisch, während ihr Blick an der Decke hängen blieb.

Röntgen.

Sie wurde umgesetzt, ihr Bein vorsichtig gelagert. Das Anheben fühlte sich falsch an, als wäre etwas an einem Platz, an den es nicht gehörte. Sie biss die Zähne zusammen, konzentrierte sich darauf, nicht die Luft anzuhalten.

Danach Warten.

Zeit verlor an Kontur. Es hätten Minuten sein können oder eine Stunde. Julia wusste nur, dass sie fror und dass ihr Bein inzwischen dumpf pochte, tiefer, gleichmäßiger als zuvor.

Dann ging die Tür auf.

„Julia?“

Sie hob den Kopf.

Einen Moment lang brauchte ihr Gehirn, um das Bild einzuordnen. Der Mann, der den Raum betrat, trug OP-Kleidung, eine weiße Hose und ein grünes Shirt. Das Haar war zurückgestrichen, das Gesicht ernst, konzentriert.

Toni.

Nicht der Toni vom Weihnachtsmarkt. Nicht der mit der Brötchentüte. Sondern jemand, der hierhergehörte.

„Hallo“, sagte er ruhig. Nicht überrascht, nicht gespielt professionell – einfach ruhig. „Ich übernehme das jetzt.“

Julia brachte keinen Ton heraus.

Er trat näher, warf einen kurzen Blick auf die Akte, dann auf ihr Bein. Seine Bewegungen waren sicher, routiniert. Als er sprach, richtete er sich wieder an sie.

„Du hast einen Bruch im Bereich des Unterschenkels. Zum Glück nichts Verschobenes, aber es ist instabil.“

Julia nickte, ohne sicher zu sein, ob sie alles verstand.

„Wir müssen das Bein ruhigstellen“, fuhr er fort. „Und zwar nicht nur den Unterschenkel.“

Er sah ihr direkt in die Augen, als wolle er sicherstellen, dass sie ihm folgte.

„Das Knie muss mit fixiert werden. Sonst wirkt bei jeder Bewegung Zug auf die Bruchstelle. Deshalb machen wir einen Oberschenkelgips – also einen langen Gips, vom Fuß bis weit über das Knie.“

Oberschenkelgips.

Das Wort setzte sich schwer in ihr fest.

„So einen farbigen?“, fragte sie leise, mehr aus einem diffusen Wunsch nach Modernität als aus echtem Wissen.

Toni schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Ich mach’ dir erstmal einen richtigen Gips“, sagte er. „Der ist schwerer als die Kunststoffvariante, aber wir können besser reagieren, falls es eng wird. Das Bein ist noch ziemlich geschwollen.“

Er sagte das sachlich, ohne jeden Unterton. Als wäre es die selbstverständlichste Entscheidung der Welt.

Julia spürte, wie etwas in ihr nachgab. Vielleicht, weil jemand gerade genau wusste, was zu tun war.

„Okay“, sagte sie.

Die Vorbereitung dauerte länger, als sie gedacht hätte. Watte wurde um ihr Bein gelegt, Schicht für Schicht. Toni erklärte zwischendurch, was passierte, aber Julia hörte nur noch halb zu. Sie spürte die Hände, die ihr Bein hielten, stabilisierten, ausrichteten. Jede Berührung war vorsichtig, bedacht.

Dann kam der Gips.

Die ersten feuchten Binden fühlten sich kalt an, überraschend kalt. Sie legten sich schwer um ihr Bein, wurden behutsam angedrückt und sorgfältig geglättet. Julia sah zu, wie Schicht um Schicht entstand, wie ihr Bein langsam verschwand. Der Gips wurde fester, wärmer, nahm Form an.

Erst als Toni ihr Bein ein letztes Mal prüfte, das Knie in der richtigen Position fixierte und dann einen Schritt zurücktrat, wurde ihr das Ausmaß bewusst.

Ihr Gipsbein lag vor ihr – dick, weiß, unbeweglich. Vom Fuß bis zum Oberschenkel.
„Nicht belasten“, sagte Toni. „Gar nicht. Wir bringen dich gleich auf Station.“

Julia nickte.

Er war schon dabei, sich abzuwenden, da sah sie ihn an.

„Danke“, sagte sie leise.

Er hielt kurz inne.

„Gern“, antwortete er. Dann, nach einem kurzen Zögern: „Wir reden später.“

Als sie wenig später allein im Zimmer lag, das Bein hochgelagert, die Decke sorgfältig darübergelegt, begann ihr Kopf langsam aufzuholen.

Der Gips fühlte sich fremd an. Nicht nur als etwas an ihrem Körper, sondern als Tatsache. Als etwas, das bleiben würde. Sie bewegte vorsichtig die Zehen, spürte den Widerstand, die Grenze.

Zum ersten Mal sah sie wirklich hin.

Das war jetzt ihr Bein.
So.
Für eine Weile.

Und irgendwo zwischen Erschöpfung und Schmerz, zwischen Krankenhauslicht und Stille, wurde ihr klar, dass nichts an diesem Weihnachten so verlaufen würde wie geplant.


.........................................................
HOME SWEET HOME
A Christmas Cast Story
Part 4

The ambulance ride was quieter than Julia had expected. The blue lights reflected in the windows of passing houses, bathing the world in an unreal blue glow that felt like a movie she only half understood. Her leg was immobilized, yet she could still feel every jolt deep in her body.

The hospital smelled of disinfectant and warm, recycled air. Voices echoed down bright corridors, footsteps, doors, muted announcements. Julia was transferred onto a gurney, questions raining down on her: name, date of birth, allergies. She answered automatically, her gaze fixed on the ceiling.

X-rays.

She was repositioned, her leg carefully supported. Lifting it felt wrong, as if something was no longer where it belonged. She clenched her teeth, focused on not holding her breath.

Then waiting.

Time lost its shape. It could have been minutes or an hour. All Julia knew was that she was cold, and that her leg now throbbed dully. Deeper, steadier than before.

Then the door opened.

“Julia?”

She raised her head.

For a moment, her brain needed time to process what she was seeing. The man who entered the room was wearing scrubs, white pants, a green top. His hair was pulled back, his expression serious and focused.

Toni.

Not the Toni from the Christmas market. Not the one with the bag of bread rolls. But someone who belonged here.

“Hi,” he said calmly. Not surprised, not putting on a professional act, just calm. “I’ll take over now.”

Julia couldn’t find her voice.

He stepped closer, glanced briefly at the chart, then at her leg. His movements were steady, practiced. When he spoke again, he addressed her directly.

“You have a fracture in your lower leg. Fortunately nothing displaced, but it’s unstable.”

Julia nodded, not entirely sure she understood everything.

“We need to immobilize the leg,” he continued. “And not just the lower leg.”

He looked her straight in the eyes, as if making sure she was following.

“The knee has to be fixed as well. Otherwise, every movement puts stress on the fracture. That’s why we’re doing a long leg cast, from the foot up well above the knee.”

A long leg cast.

The words settled heavily inside her.

“One of those colored ones?” she asked quietly, more out of a vague desire for modernity than actual knowledge.

Toni shook his head almost imperceptibly.

“I’m going to put on a real plaster cast first,” he said. “It’s heavier than the synthetic kind, but it allows us to react better if things get too tight. Your leg is still quite swollen.”

He said it matter-of-factly, without any undertone, like the most obvious decision in the world.

Julia felt something inside her loosen. Maybe because someone clearly knew what needed to be done.

“Okay,” she said.

The preparation took longer than she had expected. Padding was wrapped around her leg, layer by layer. Toni explained what was happening as he worked, but Julia only half listened. She felt the hands holding her leg, stabilizing it, aligning it. Every touch was careful, deliberate.

Then came the cast.

The first damp bandages felt cold, surprisingly cold. They settled heavily around her leg, gently pressed into place, carefully smoothed. Julia watched as layer after layer was added, her leg slowly disappearing. The plaster grew firmer, warmer, taking shape.

Only when Toni checked her leg one last time, fixed the knee in the correct position, and stepped back did the full extent register.

Her casted leg lay in front of her. Thick, white, immobile. From foot to thigh.

“Don’t put any weight on it,” Toni said. “At all. We’ll take you up to the ward shortly.”

Julia nodded.

He was already turning away when she looked at him.

“Thank you,” she said softly.

He paused.

“You’re welcome,” he replied. Then, after a brief hesitation: “We’ll talk later.”

When she was alone in the room a little while later, her leg elevated, the blanket carefully tucked around it, her mind finally began to catch up.

The cast felt strange. Not just as something on her body, but as a fact. As something that would stay.

She cautiously moved her toes, felt the resistance, the boundary.

For the first time, she really looked.

This was her leg now.
Like this.
For a while.

And somewhere between exhaustion and pain, between hospital light and silence, it became clear to her that nothing about this Christmas was going to unfold as planned.

Advent Calendar – December 16

Comments

aber der beste!!!

Christian Simmerl

Toll dass es euch gefällt, die Geschichte ist mit Abstand der aufwendigste Part des Adventskalenders 🙂

ALEXANDRA FOOTAGE

Hallo Alex.Du bist wirklich ein Multitalent.Schöne Fotos und Videos und jetzt auch noch diese super Geschichte.Einfach spitzenklasse.Mach bitte,bitte weiter so und ich wünsche Dir noch viele Ideen.

Gipsbein


More Creators