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Advent Calendar – December 5

– English translation below –

HOME SWEET HOME
Eine weihnachtliche Gipsgeschichte, Teil 1

„… Karten für die Party?“

Julia sah verwirrt von ihrem Bildschirm auf. Sie war so tief in das Layout für ein Neubauprojekt vertieft gewesen, dass sie das Öffnen der Bürotür gar nicht bemerkt hatte. Vor ihr stand Natalie, einen dampfenden Kaffeebecher in der Hand, mit einem hoffnungsvollen Funkeln in den Augen.

„Hey, danke dir! Und sorry – was hast du gerade gesagt?“, fragte Julia und nahm den Becher entgegen.

„Ich wollte wissen, ob du schon Karten für die Party hast oder weißt, wie man noch an welche rankommt?“

Natürlich wusste sie das.

Es war nicht eine Party, es war ein sozialer Hindernislauf aus Gästelisten, After-Partys und Einladungen, die unter vorgehaltener Hand weitergereicht wurden – diese eine Woche zwischen Weihnachten und Neujahr, in der halb Berlin so tat, als wäre man befreundet. Die Clubs wechselten ihre Namen je nach Nacht, nur die Menschen blieben gleich. Schön, laut und unglaublich wichtig – zumindest für sich selbst.

Schon mit sechzehn hatte Julia in ihrem Kinderzimmer in ihrer Heimatstadt „Sex and the City“ geschaut und sich ausgemalt, irgendwann genau hier zu sein. Berlin, Großstadt, Partys, Karriere. Jetzt, mit Anfang dreißig, lebte sie dieses Leben – zwischen Bauprojekten, exklusiven Besichtigungen und Telefonaten, bei denen mehr Geld den Besitzer wechselte, als ihre Eltern in einem Jahr verdienten.

Und ja – sie hatte Karten.

„Ich hab’ welche. Und du kriegst eine. Natürlich nur, wenn du den Entwurf hier für mich fertig bearbeitest“, sagte Julia trocken.

Natalie blinzelte irritiert. „Ähm … also, ich weiß nicht, ob ich...“

Julia lachte und erlöste sie mit einem Augenzwinkern. „Nur Spaß, ich mach doch nur Spaß! Obwohl ich echt nichts dagegen hätte, jetzt sofort in den Weihnachtsurlaub zu starten.“
Natalie sah erleichtert aus. „Es sind ja zum Glück nur noch zwei Arbeitstage, die kriegen wir auch noch rum!“.
„Ja“, dachte Julia, „und der Weihnachtsbesuch bei meinen Eltern vergeht hoffentlich genau so schnell.“

Zwei Tage später stand sie in ihrem Schlafzimmer und starrte missmutig auf ihre offene Weekend-Bag. Sie packte das Nötigste ein, als würde sie zu einem Pflichttermin fahren, nicht in ihr Elternhaus. Ihre Gedanken waren längst wieder in Berlin – bei Kleidern, die sie noch nicht besaß, bei Nächten, die nach Parfum und Champagner rochen, bei Menschen, die sich nur für den Moment interessierten und genau deshalb so leicht zu ertragen waren.

Wie hatte sie es damals bloß in diesem piefigen Kaff in Rheinland-Pfalz ausgehalten? Und wieso hatte sie ihre Eltern nicht von einem Umzug in den Speckgürtel Berlins überzeugen können? Dank ihrer Kontakte hätte sie ihnen eine wunderschöne und sogar erschwingliche, altersgerechte Wohnung vermitteln können. Doch die beiden weigerten sich strikt. Und so musste sie wohl oder übel alle paar Monate eine mehrstündige Zugreise auf sich nehmen, um ihren Eltern und damit auch ihrer Vergangenheit einen Besuch abzustatten.

Ihr Handy vibrierte.
Eine Push-Nachricht der Bahn wies sie darauf hin, dass ihr ICE eine halbe Stunde Verspätung hatte. Klar.

Sieben Stunden später verließ Julia fluchtartig und nach Luft schnappend einen weihnachtlich-überfüllten Regionalzug am kleinen Bahnhof ihrer Heimatstadt, wo ihr Vater sie mit dem Auto abholte. Der Bahnsteig war in gelbliches Licht getaucht, Lichterketten schmiegten sich an Laternenmasten und in der Ferne hörte man Kirchenglocken. Sogar ein kleiner Weihnachtsbaum stand neben der Sitzbank an Gleis 1. Die Luft war eisig und winzig-feine Schneeflocken waren im Licht der Laternen zur erkennen.

„Mama wartet mit dem Essen!“, rief ihr Vater freudig schon von Weitem. Er winkte aus der Ferne neben seinem beinah antiken Opel, der so vertraut war, dass sie ihn vermutlich im Dunkeln am Geräusch erkannt hätte. Ihr Vater trug dieselbe braune Jacke wie immer.
„Es gibt Leberknödel!“, kündigte er verschwörerisch an, während er sie umarmte und anschließend ihre Tasche im Kofferraum verstaute.

Julia verzog gespielt das Gesicht – und musste dann doch lächeln.


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HOME SWEET HOME
A Christmas Cast Story, Part 1

“... Tickets for the party?”

Julia looked up from her screen, confused. She had been so engrossed in the layout for a new construction project that she hadn't even noticed the office door opening. Natalie was standing in front of her, a steaming coffee mug in her hand, a hopeful sparkle in her eyes.

“Hey, thank you! And sorry, what did you just say?” Julia asked, taking the cup.

“I wanted to know if you already have tickets for the party or know how to get some?”

Of course she knew.

It wasn't a party, it was a social obstacle course of guest lists, after-parties, and invitations passed on under the table – that one week between Christmas and New Year's Eve when half of Berlin pretended to be friends. The clubs changed their names depending on the night, only the people remained the same. Beautiful, loud, and incredibly important...at least to themselves.

At sixteen, Julia had watched ‚Sex and the City‘ in her bedroom in her hometown and imagined herself being right here someday. Berlin, big city, parties, career. Now, in her early thirties, she was living that life, between construction projects, exclusive viewings, and phone calls where more money changed hands than her parents earned in a year.

And yes. She had tickets.

“I have some. And you can have one...but only if you finish editing this draft for me, of course,” Julia said dryly.

Natalie blinked in confusion. “Um... well, I don't know if I—”

Julia laughed and winked at her. “Just kidding, I'm just kidding! Although I really wouldn't mind starting my Christmas vacation right now.”
Natalie looked relieved. “Luckily, there are only two more days of work, we can get through them!”
“Yes,” thought Julia, “and hopefully the Christmas visit to my parents will pass just as quickly.”

Two days later, she stood in her bedroom and stared morosely at her open weekend bag. She packed the bare essentials as if she were going to a mandatory appointment, not to her parents' house. Her thoughts were already back in Berlin, on clothes she didn't yet own, on nights that smelled of perfume and champagne, on people who were only interested in the moment and were therefore so easy to bear.

How had she ever managed to endure life back then in that stuffy little town in south-west Germany? And why hadn't she been able to convince her parents to move to the affluent suburbs of Berlin? Thanks to her contacts, she could have found them a beautiful and even affordable apartment suitable for their age. But they both refused outright. And so, every few months, she had no choice but to endure a train journey lasting several hours to visit her parents and, with them, her past.

Her phone vibrated.
A push notification from Deutsche Bahn informed her that her ICE train was half an hour late. Of course.

Seven hours later, Julia breathlessly escaped from an overcrowded regional train at the small station in her hometown, where her father picked her up by car. The platform was bathed in yellowish light, fairy lights nestled against lampposts, and church bells could be heard in the distance. There was even a small Christmas tree next to the bench on platform 1. The air was freezing, and tiny snowflakes could be seen dancing in the light of the street lamps.

“Mom's waiting with dinner!” her father called cheerfully from afar. He waved from a distance next to his almost antique Opel, which was so familiar that she would probably have recognized it in the dark by the sound of it. Her father was wearing the same brown jacket as always. “We're having liver dumplings!” he announced conspiratorially as he hugged her and then stowed her bag in the trunk.
Julia made a face...and then couldn't help but smile.

Advent Calendar – December 5

Comments

Das bleibt der Fantasie überlassen

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coole geschichte, aber welcher ort in rheinland/pfalz ? mmmmm mmmmmm mmmmm

mastodon79

Herrlich - eine Geschichte gab es schon lange nicht mehr hier! Aber das ist genau das, was sich jede/r von Herzen wünscht - um einfach mal für einige Zeit dem Trubel zu entfliehen! Ich freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung(en)! Lieben Dank dafür!

Norbert Bredow


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