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Heldenpicknick
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Schwarzstiefel - eine Heldenpicknick-Geschichte

Eine Heldenpicknick-Geschichte von Michael Cremann und June Fontaine, Redaktion Robin Thier. Diese Geschichte spielt zwischen Staffel 7 und Staffel 8 des Heldenpicknicks und knüpft an die Ereignisse in Reichsend aus der dritten Staffel "Das Ende des Reiches" an. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.

Wie jeden Tag stand Hild etwas abseits in den Schatten der Thronhalle und sah der Zeit beim Zerfließen zu. Die junge Frau von vielleicht 15 Jahren fühlte sich in dieser Routine schon fast wie ein Teil des Mobiliars. Sie spürte geradezu, wie sich der Staub genauso auf ihr niederlegte, wie auf den Schilden an den Wänden, während sie der zähen, immer gleichen Diskussion in der Halle lauschte und sich dabei mit ihren wachen braunen Augen umsah. Es war doch immer dasselbe Schauspiel: Wie jeden Tag ging Markgraf Elwin von Schwanen auf seinem hohen Thron im Kreise seiner Berater unter. Wie jeden Tag redeten die Ratsmitglieder, der Geweihte, der arrogante Apotheker und der kleine rasierte Zwerg ununterbrochen auf ihn ein. Selbst die hagere Söldnerin hielt nicht an sich und verlangte lautstark, mehr Leute für den Wachdienst zu rekrutieren oder die aktuellen besser zu bezahlen. Ein trauriges Bild – Hild versuchte unbemerkt ihre verkrampften Schultern zu lockern – aber es ging sie ja alles gar nichts an. Sie war eine der Dienerinnen des neuen Hofes. Das bedeutete, sie brachte der Herrschaft Getränke und die Wasserschüssel zum Waschen, wenn danach verlangt wurde. Doch wie jeden Tag würde sie auch heute noch zwei Stunden hier stehen, bis der arme Elwin alles abgenickt hatte, was seine so genannter Hofrat verlangte. Dann würde es einen Umtrunk geben, währenddessen der Magier, Hesindian war sein Name, für gewöhnlich aus dem Nichts erschien, um die allzu verrückten Anordnungen zurückzunehmen, nur um Elwin zu erklären, dass er lernen müsse, standhafter zu sein.

Wie spät es jetzt wohl war? Hild musste sich wirklich zusammenreißen, um nicht einen Seufzer der Frustration auszustoßen. Gerade verlangte Vanjescha, die Söldnerin, einen Turm für das Wachhaus, die alte Schenke mit dem passenden Namen “Zum baumelnden Ork”, als die Tür der Halle mit lautem Scheppern aufflog. Vor Schreck fiel Hild der Krug mit dem kalten Kräutertee, den Hesindian statt des Weins zum offiziellen Hofgetränk erklärt hatte, aus der Hand und zerbrach. Im selben Moment hatte sich Vanjescha ihren Spieß vom Rücken gepflückt und in Richtung Tür gerichtet und auch der Geweihte Donnecker baute sich mit seinem imposanten Schwert in der Hand zwischen der vermeintlichen Gefahr und dem Grafen auf.

Hild bekam all dies nur am Rande ihres Bewusstseins mit. Sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte und ihre Gedanken rasten. Wie im Reflex war sie in die Hocke gegangen, teils um die Scherben des Teekruges einzusammeln, teils um in Deckung vor dem zu gehen, was da kommen würde. Sie schaute in Richtung der Tür, doch die Leiber des Kronrates versperrten ihr die Sicht. Scheinbar kamen einige Gestalten jetzt gemessenen Schrittes durch die Tür.

Sie erblickte dunklen Stoff und zog den Kopf noch ein wenig mehr ein. Ein Paar schwarze, merkwürdig gemusterte Lederstiefel mit goldenen Schnallen knallte auf dem Boden und eine dunkle, warme Frauenstimme verlangte in einem Ton, der ihr alles Blut in den Adern gefrieren ließ: “Holt mir den Grafen! Ich bin…”

Da unterbrach eine wimmernde Stimme Hilds Lauschen: “Du, kannst du mir helfen?” – eben jener gesuchte Graf schaute die Magd aus angsterfüllten Augen unter seiner verrutschen Krone hervor an und kroch noch ein wenig näher auf sie zu. Elwin! Kurzentschlossen packte Hild den Jungen beim Handgelenk, sprang auf und schleifte ihn zur nächsten Tür, direkt in die Gesindegänge. Währenddessen polterte Donnecker lauthals los, was den Schwarzgekleideten denn einfalle, hier so überfallartig hinein zu stürmen und so weiter. Sie hörte gar nicht mehr richtig hin, sondern fragte sich, was sie hier nur trieb. Sie entführte den Grafen?

Eine Treppe hinab, um eine Ecke, hier ging es in Richtung der Küche. "Wo gehen wir hin?" keuchte Elwin. Hild blieb stehen und blickte sich um. Nein, der Koch durfte nicht wissen, wo er war. Wohin dann? Aus der Burg, das war der einzige Weg. Sie ignorierte das Gestammel des Grafen und eilte den Gang ein Stück zurück, dann durch eine Tür und um eine weitere Ecke, aus der Klappe der Vorratskammer, hinter dem Schober her, die Treppe am Stall hinauf. Schritte! Sie duckten sich hinter eine Kiste und Elwin spähte vorsichtig über den Rand. “Unsere Wachen laufen in den Bergfried!” – das Zittern in der Stimme des Grafen verriet Hild, dass er ihnen wohl nicht traute. Also mussten sie wirklich ganz verborgen bleiben. Hild nickte bloß und dachte nach. In den Räumen der Stallknechte, direkt neben den Mägden würde sie vorerst niemand suchen. Und die Knechte sollten alle bei der Arbeit sein. Also los.

Hild schloss behutsam die Tür der Kammer der Stallknechte hinter ihnen und drehte sich zum Grafen um, der sie aus großen Augen anschaute, als sähe er sie zum ersten Mal.

“Hier können wir kurz verschnaufen und überlegen, was wir machen wollen”, sie versuchte beruhigend zu klingen. Und tatsächlich, seine Augen wirkten etwas weniger gehetzt und die Anspannung schien nachzulassen. Gut. Hild schaute sich im Raum um, auf der Suche nach etwas, womit man diesen feinen Pinkel verkleiden könnte, der ganz in Seide gehüllt, noch immer mit seiner schiefen Krone auf dem Kopf, vor ihr saß. Als sie wieder in sein Gesicht blickte war die ganze Anspannung wieder da. Sie erstarrte. Hatte er etwas gesehen, etwas gehört? Da trat er mit einem schnellen Schritt vor und küsste sie hastig und schüchtern auf die Wange. “Danke.” flüsterte er. Hild war völlig verdutzt. Hatte dieser schmächtige Junge, dieser Graf, das gerade wirklich gemacht? Nicht, dass Hild nicht schon auf die Wange geküsst worden war, von ihrer Mutter... Nicht dass sie sich noch nie vorgestellt hatte, von einem Mann geküsst zu werden, nur war der in ihren Gedanken dann eher ein stolzer Ritter oder Krieger, im Notfall auch ein Magus – oder die kurvige Bogenschützin aus der Militz, mit den rosigen Wangen... jedenfalls kein Gräflein, dem seine Krone nicht passte. Auf der anderen Seite war der Herr von Schwanen gar nicht so übel. Immer nett und freundlich, auch zur Dienerschaft, hilfsbereit, oft viel zu hilfsbereit. Und die grünen Augen. Je länger sie in seine Augen blickte, desto mehr schienen sie zu offenbaren, dass er zu viel mehr in der Lage war, als nur zu nicken und zu quengeln. Diese Augen… er wirkte schon wieder so angsterfüllt. Erst jetzt begriff Hild, dass sie seit einer gefühlten Ewigkeit nichts gesagt hatte. Sie hatte da gestanden, geglotzt und versucht, ihre Gedanken zu ordnen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, also sagte sie das, was sie zuletzt gedacht hatte: “Die Sachen kannst du nicht anlassen!”

Die Kinnlade des Grafen fiel herunter. Völlig verdattert fing er wieder an zu stottern. “Ähm, also das geht mir jetzt ein bisschen schnell.” Hild schlug sich die Hände vor den Mund und wich einen Schritt zurück. Natürlich, das Protokoll! “Verzeiht eure Durchlaucht! Es tut mir Leid, wenn ich seine Durchlaucht beleidigt habe! Doch eure Kleidung wird euch überall als Markgrafen erkennbar machen.” Verdammt, warum hörte sich ihre Stimme so dünn und qietschend an? Reiß dich zusammen Hild! Ein verstehendes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Grafen aus und er entspannte sich wieder. “Achsoo,” grinste er, “und vergiss den Lauch, ich bin Elwin.” Er blickte sich in der kleinen Kammer um und dann an sich herunter, “du hast Recht, der Aufzug ist für eine Flucht wahrscheinlich etwas übertrieben.”

Er entkleidete sich eifrig, dabei schnappte er sich die Krone von seinem Haupt und warf sie nachlässig auf einen Strohsack. Hild schaute ungläubig hinterher. Die Krone war mehr Wert, als ihre Familie je besessen hatte. Für einen kurzen Moment schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sie sich das Ding einfach schnappen und verschwinden könnte – Elwin würde sie bestimmt nicht einholen, beim Wettlaufen mit ihren Brüdern gewann sie immer mit riesigem Vorsprung. Doch dann verwarf sie den Gedanken, es gab jetzt wohl Wichtigeres. Sie begann in den Truhen der Knechte zu kramen und suchte einen staubigen Kittel und ein paar Beinlinge zusammen und gab sie an Elwin weiter. Als sie fertig waren, sah der Graf weniger aus wie ein durchlauchtigster Markgraf, sondern wirklich wie ein Stallknecht. Es fehlte nur noch… sie steckte die Hand durch die Tür nach draußen und griff eine Hand voll Matsch und schmierte sie dem überraschten Elwin ohne Vorwarnung in Gesicht und Haare.

"Hildegard, ihgitt, was soll denn das?" Erwin prustete und spuckte ein paar Strohhalme auf den Boden. "Hildegard?" kicherte Hild, der Name war so absurd komisch, dass sie trotz der bedrohlichen Situation lachen musste. "Oh... oh je... ich... ich... äh dachte, weil ich... ich habe gehört, dass du Hild genannt wurdest und da dachte ich, das ist vielleicht eine Kurzform für Hildegard." Sogar unter der verschmierten Erde in Elwins Gesicht konnte Hild erkennen, dass er knallrot geworden war. "Hildegard." sie prustete wieder los. "Kein Mensch heißt so." "Doch, doch, in meiner Heimat heißen einige Frauen Hildegard." antwortete Elwin, nun ein wenig gekränkt. Hild wollte noch etwas erwidern, doch dann hörten sie laute polternde Stiefel vor dem Stall – und Stimmen. "Graf." "Eure Durchlaucht." "Graf, wo seid ihr?!" "Niemand wird euch etwas tun!" riefen einige tiefe Stimmen durcheinander. "Ob er wohl im Stall ist?" fragte jemand. "Der feine Pimpf, ganz bestimmt nicht!" antwortete ein anderer. "Feiner Pimpf, na wenn der wüsste." zischte Elwin verärgert. Erstaunt blickte Hild Elwin von der Seite an. Das war neu! Sie hatte zwar auch die Gerüchte gehört. Die Menschen in Reichsend tuschelten hinter vorgehaltener Hand, dass der Graf einen Ork getötet hatte, als er mit einer üblen Verbrecherbande auf Beutezug gewesen war und allerlei andere abenteuerliche Dinge und dunkle Geheimnisse aus dem Leben des neuen Grafen, doch Hild hatte nie geglaubt, dass dieser schüchterne junge Mann zu so etwas fähig war. Sie nahm sich vor, ihn danach zu fragen, wenn die Luft wieder rein wäre. "Wir können nicht hierbleiben! Sie finden mich und dann… dann... werden sie." greinte da Elwin und sein Atem ging schnell und stockend. Hilds Gedanken überschlugen sich, dann hatte sie eine Idee.

"Komm mit." sagte sie, fasste ihn an der Hand und führte ihn zurück zu den Kisten, hinter denen sie sich eben versteckt hatten. Sie drückte dem verdatterten Jungen so viele Kisten in den Arm, dass er kaum noch über den wackeligen Turm hinwegsehen konnte. "Und jetzt möglichst unauffällig zum Tor, überlass mir das Reden!" zischte sie und zum Glück gehorchte Elwin, ohne ihren Einfall weiter zu hinterfragen. Der Turm schwankte schon bedrohlich, als sie am Tor ankamen. "Na, wohin soll es denn gehen, holde Maid?" fragte der Wächter und lachte dreckig. "Runter in die Stadt, der Koch bittet mich, Fisch zu holen." sagte Hild mit so viel Selbstbewusstsein, wie sie aufbringen konnte. "Und der Hämpfling?" fragte der Wächter und deutete mit einem Kopfnicken zu Elwin, der von einem Bein auf das andere wippte, um bloß die Kisten, die sein Gesicht verdecken sollten, zu balancieren. "Das ist Gruselbund! Er soll mir helfen, die Kisten zu tragen!" entgegnete Hild. "Gruselbund? Den Vogel habe ich ja noch nie hier gesehen." behauptete der Wächter, während Elwins Turm schon langsam begann, bedrohlich zu schwanken. "Gruselbund steht seit drei Jahren in treuen Diensten der Familie! Aber wir müssen jetzt dringend los, der Koch und der Graf werden beide MICH filetieren, wenn der Fischhändler keine Ware mehr hat!" antwortete Hild verärgert. "Ist ja gut, ist ja gut", genervt öffnete der Wächter das Tor. Hinter ihnen wurden jetzt die Stimmen der anderen Wachen lauter.

Hild atmete erst wieder auf, als sie die ersten Straßen des Stadtkerns erreichten und der Wächter sie nicht mehr sehen konnte. Prompt fiel Elwin der Turm mit den Kisten mit lautem Poltern aus der Hand. "Oh je." seufzte er, als über ihm auch schon der erste Fensterladen geöffnet wurde. "Heh, wer macht den hier so einen verfluchten Lärm? Ihr wollte wohl eine gehörige Tracht Prügel? Hier so einen Radau zu veranstalten!" rief eine Stimme über ihren Köpfen und schon fanden sich Hild und Elwin wieder in einem Wettlauf. "Wohin laufen wir eigentlich?" keuchte Elwin. "Ich glaube, zu meiner Tante." rief Hild über ihre Schulter. Sie war ihm mindestens zwei Schritte voraus. "Wieso glaubst du das nur?" Die Erde in Elwins Gesicht war vollkommen verlaufen, er sah schrecklich niedergeschmettert aus. "Mir fällt gerade kein besserer Ort ein." Hild verlangsamte ihre Schritte. Niemand war ihnen auf den Fersen und rennend würden sie mehr auffallen. "Wieso, was stimmt denn mit deiner Tante nicht?" Elwin hielt sich die Seite und stützte sich mit der anderen Hand an einer Hauswand ab. "Meine Tante betreibt das Bordell." Hild war langsam weitergelaufen und Elwin folgte ihr schnaufend und keuchend. "Brotel?" fragte er interessiert. "Wird dort Brot gebacken?" "Ja, Elwin, so ungefähr", kicherte Hild.

Sie führte Elwin über den Hinterhof in das Haus und nicht durch die gut besuchte Schankstube mit den barbusigen Frauen. Ihre Tante hatte ihr mal verraten, wo der große eiserne Schlüssel für die Küchentür versteckt war und so standen sie wenige Augenblicke später in der behaglichen Küche. Hild fühlte sofort, wie die Angst von ihr abfiel und auch Elwin sah auf einmal viel glücklicher aus, so glücklich, wie man in seiner aktuellen Situation nunmal sein konnte. "Na, wen haben wir denn da?" eine füllige große Frau stand in der Küchentür und stemmte ihre Hände vergnügt in die Seiten. "Hild, mein Mädchen." rief sie dann, "wie schön dich zu sehen!" Und mit einem wissenden Blick auf Elwin lächelte sie und erklärte zwinkernd: "Ich lasse dir ein Zimmer und ein Bad bereit machen und etwas Essen hochbringen." "Aber..." hob Hild an. "Kein Problem, meine Liebe, deine Mutter erfährt nichts, niemand weiß, dass du hier bist!" versicherte sie und legte einen Finger an die Lippen.

"Das ist eine tolle Herberge!" freute sich Elwin, nachdem er ein Bad genommen hatte. Er war so freundlich gewesen, Hild den Vortritt in dem Waschzuber zu lassen. "Nur ich wundere mich, dass es nur ein Bett gibt, das geziemt sich doch eher für Eheleute", sinnierte er mit Blick auf das große Bett. "Elwin, das hier ist ein Bor-dell!" ungläubig starrte Hild ihn an, sie war sicher, dass er verstehen würde. "Ja ja, das Brot ist auch echt super!" erklärte Elwin und nahm noch einen Bissen von der großzügigen Abendbrotplatte, die bereits zur Hälfte weggefuttert neben Hild auf dem Bett stand. "Freudenhaus..." erklärte Hild jetzt ein wenig verzweifelt. "Ein Haus voller Freude, ja in der Tat!" bestätigte Elwin lächelnd. "Ein Haus, in dem Männer Freude haben..." versuchte Hild es erneut. "Hm, aber du bist eine Frau und du hast trotzdem Freude hier." merkte Elwin mit erhobenem Zeigefinger an und Hild beschloss, ihm das nicht weiter zu erklären, vermutlich hatte er überhaupt keine Erfahrung in solchen Dingen. Er war schon sehr unbedarft für einen Grafen. Da fiel ihr ein: "Sag mal, wie war das eigentlich mit dem Ork, hast du wirklich..."
Vor den Fenstern hatte sich die Dunkelheit herabgesenkt, als habe jemand ein dickes Samttuch über die Stadt gelegt. Elwin lag auf dem Rücken und erzählte von seiner Zeit vor Reichsend, fuchtelte wild mit den Händen in der Luft herum, als er von seinen vielen Abenteuern berichtete. Das flachsblonde Haar hing wirr in seine Stirn und die Wangen schimmerten im Dämmerlicht der Kerze ganz rosig. In den großen leeren Hallen des Palastes war das Licht von tausenden Kerzen und zwei riesigen Kaminen so grell, dass es einem wie Sonnenlicht in den Augen stach. Elwin sah oft blass und kränklich aus an der viel zu großen Tafel. Doch hier, im Schutz der Nacht, wirkte er lebendig, jung, gesund und auf seine ganz eigene Weise stark und königlich. Sein ganzes Wesen schien hier, versteckt vor aller Augen, aufzublühen und die Lebensfreude sprühte und funkelte nur so aus seinen Erzählungen. Hild hing atemlos an seinen Lippen. Langweilig hatte sie den Grafen gefunden, farblos, nicht nur im Äußeren, schwächlich und unterwürfig, oder zumindest unerfahren. Jetzt kam er ihr beinahe heldenhaft vor.

"Hast du dich nicht ganz alleine gefühlt bei deinen Abenteuern?" fragte Hild, als schon der Morgen graute. Die Augen wollten ihr schon fast zufallen, sie hatten die ganze Nacht geredet, doch sie wollte nicht, dass er aufhörte. "Nein, ich hatte doch meine Freunde bei mir, die tapferen und unerschrockenen Heldeninnen und Helden – rechtschaffene Leute. Aber mit einer so mutigen und schlauen Gefährtin wie dir, hätte ich die Abenteuer sicherlich noch viel besser bestehen können", er lächelte Hild an und sie wurde rot, eigentlich war das ziemlich kitschig gewesen, doch er hatte es so charmant gesagt, dass sie ihm das wirklich abkaufte. Plötzlich spürte sie, wie Elwin ihr vorsichtig durch die Haare fuhr. "Ich mag dich wirklich sehr, Hild", flüsterte Elwin. "Ich mag dich auch wirklich sehr, Elwin." Er rückte näher an sie heran. Ganz sanft berührten seine Lippen ihren Mund und Hild wünschte sich, der Moment würde niemals enden. Sie erwiderte die Umarmung und kuschelte sich in seine Arme.

"Um Himmels Willen, Hild, wir müssen heiraten!" Erschrocken fuhr Hild aus dem Schlaf. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. "Wir müssen heiraten!" wiederholte Elwin. "Was? Nein. Wieso?" stotterte Hild verdattert und rieb sich die Augen. "Oh entschuldige bitte, wo sind denn meine Manieren geblieben?" eilig sprang Elwin aus dem Bett, er trug noch die viel zu großen Kleidungsstücke, die er auf der Flucht getragen hatte und sein Haar lag jetzt nicht mehr glatt an seinem Kopf an, sondern stand in alle Himmelsrichtungen ab. Hastig lief er zu Hilds Bettseite, unterdrückte einen Fluch, als er sich den Zeh am Bettpfosten stieß und ging vor Hild auf die Knie. "Hild, du tapfere, kluge und liebevolle Frau, bitte heirate mich." Hild starrte Elwin an, als seien ihm in der Nacht fünf Köpfe gewachsen, so sehr verblüffte sie die Bitte des jungen Grafen. "Aber Elwin..." "Ja, ich weiß, ich kann dir keinen Ring zum Zeichen meiner Liebe geben, aber ich verspreche dir, den schönsten Ring von ganz Reichsend zu kaufen." "Na das ist ja wohl nicht schwer." lachte Hild, die langsam an einen schlechten Scherz glaubte. "Wir heiraten am besten direkt heute", begann Elwin zu überlegen. Hild lachte, doch er fuhr unbeeindruckt fort: "Mein Vater wird zwar traurig sein, dass er nicht dabei sein kann, aber ich denke, so wird..." "Elwin!", sie unterbrach ihn streng, "ich werde dich nicht heiraten!" "Aber... du musst!" antwortete Elwin kläglich. "Ich muss dich überhaupt nicht heiraten!" wütend sprang Hild aus dem Bett und postierte sich wie eine angreifende Katze mit Buckel und aufgestelltem Fell vor Elwin. "Doch Hild, du musst mich heiraten! Ich befehle es!" "Du befiehlst es? Ich glaube, dein Ofenrohr flattert! Ich lasse mir doch nicht befehlen, wen ich heirate!"
"Hild... aber... ich... ich..." Elwin dämmerte wohl, dass sein plötzlicher Antrag gescheitert war und sah für einen Moment aus, als hätte sie ihm in den Bauch geboxt, völlig luftleer, mit hängenden Schultern. Doch dann richtete er sich auf, warf seinen Kopf stolz zurück und sagte mit bebender Stimme: "Hild, wenn du nicht meine Frau wirst, werde ich dich enthaupten lassen."

Hild spürte, wie die Wut in einer riesigen Welle über sie hinweg schwappte. Angst hatte sie nicht, in ganz Reichsend gab es keine Axt, die scharf genug wäre, ihr den Kopf abzutrennen. "Elwin! Du du verdammter… ! Du kannst mich doch nicht erst fragen, ob ich dich heiraten möchte und mich dann köpfen lassen!" "Selbstverständlich kann ich das, ich bin der Reichsend von Schwanen, nein der Endschwan von Reichs... der Herr von Schwanenreich. Verdammte Kacke, ich bin hier der Graf und ich befehle es!" stotterte Elwin aufgebracht, seine Wangen hatten die Farbe von überreifen Tomaten und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. "Elwin, du spinnst ja wohl! Deine Mutter hat dir wohl gar keine Manieren beigebracht!" "Hild, du musst mich einfach heiraten! Verstehst du das denn nicht, du... dummes Weibsstück..." jegliche Kampfeslust war aus Elwin gewichen, in seinen Augen stand nur noch die pure Verzweiflung. Doch Hild war viel zu wütend, um darüber nachzudenken, warum Elwin so sehr darauf bestand.

"Hast du mich gerade ein dummes Weibsstück genannt?" grollte Hild und hatte das Gefühl, dem schmächtigen Grafen in ihrer Wut über den Kopf zu wachsen. "Hild, lass uns jetzt nicht darüber streiten", bat er matt und schien unter ihren wütenden Blicken zu schrumpfen. "Wir diskutieren das jetzt aus!" wütend stampfte Hild mit dem Fuß auf die Bodendielen. Aufgewirbelter Staub senkte sich träge wieder zu Boden. "Nein, du wirst mein Weib, sonst lasse ich dich köpfen!" Elwin war jetzt völlig hysterisch. "Und warum bei den Göttern soll ich unbedingt dein Weib werden?" rief Hild immer noch stinksauer. "Weil wir uns geküsst haben." flüsterte Elwin leise und Tränen traten in seine blauen Augen. "Ich will doch das Richtige tun! Du sollst doch eine ehrbare Frau sein!"

Was sollte das denn jetzt…? Langsam dämmerte es Hild. Sie setzte sich auf die Bettkante und schaute hinunter auf den bedauernswerten Elwin, der zu ihren Füßen kauerte. "Elwin, weißt du, dass man vom Küssen nicht schwanger werden kann?" "Kann man nicht?" Elwin hob das Gesicht. "Nein, kann man nicht!" "Ganz sicher nicht?" "Ganz sicher nicht!" "Das heißt... du bist nicht..." "Nein, bin ich nicht." Elwin atmete tief aus, die ganze Anspannung fiel von seinen schmalen Schultern ab. "Hildegard, das sind erfreuliche Nachrichten." kicherte er und zwinkerte ihr zu. "Elwin, wenn du mich noch einmal Hildegard nennst, dann lasse ich DICH köpfen", lachte Hild. "Würdest du mich trotzdem heiraten?" fragte Elwin auf einmal. "Wieso denn jetzt schon wieder?" "Weil ich dich gerne als Gefährtin an meiner Seite hätte, für immer, für jeden Tag! Du bist lieb und hilfsbereit und lustig und du würdest jeden meiner Tage vergolden." Verdattert schaute Hild auf Elwin hinunter, der zu ihren Füßen kniete und auf einmal ganz selbstbewusst und vernünftig wirkte. "...und? Willst du?" fragte er mit einem verlegenen Lächeln und Hild sah ihre Zukunft vor sich, mit Elwin. Streitend. Und lachend. Und küssend. Und wenn sie so darüber nachdachte, musste sie sich eingestehen, nichts kam ihr schöner vor, als der Gedanke, das Gute und das Schlechte und jeden Tag, der da noch kommen mochte, mit diesem verrückten Grafen zu teilen, hinter dem sich mehr verbarg, als man auf den ersten Blick sehen konnte. "Ja, gut. Ich will... aber, du darfst mich nie wieder Hildegard nennen und du darfst mir nie wieder androhen, mich köpfen zu lassen." erklärte sie feierlich.

"Heiraten?" Hilds Tante Knuta rümpfte die Nase, als Hild und Elwin ihr von ihren Plänen erzählten. "Nennt man das so in Entendings?" fragte sie und schaute streng auf den jungen Grafen hinunter. "Schwanen!" meinte Elwin nur leicht pikiert. "Ja meinetwegen auch Schwanendings”, mit einer unwirschen Handbewegung wischte sie Elwins Einwurf beiseite. "Aber was hat es denn mit Raten zu tun? Rät man vorher, wie gut der Beischlaf ist?" Knuta lachte schallend und Elwin guckte so, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. "Wieso möchtet ihr denn den heiligen Bund der Travia schließen? Bist du etwa schwanger?" fragte sie Hild, aber die rollte als Antwort nur mit den Augen. "Du hast deinem kleinen Gräflein aber schon erklärt, dass man vom Küssen nicht schwanger werden kann?" lachte Knuta weiter und Hild verdrehte wieder die Augen. "Wie dem auch sei. Ihr habt zufällig ganz großes Glück, dass ich unten in meinem Kellergewölbe einen kleinen Traviatempel habe. Wenn ihr möchtet, könnt ihr unten schnell den Traviabund schließen." "Du... du hast einen Travia..." quietschte Hild belustigt. "Ach, jetzt verstehe ich, werte Frau Knuta, warum ihr Heim so außerordentlich gemütlich ist." erklärte Elwin mit großem Eifer, so als wäre ihm gerade ein Licht aufgegangen. Nur leider war es das falsche Licht. "Jungchen, das hier ist ein Puff. Hier kommen Männer hin, um Frauen für Sex zu bezahlen. Das ist eher das Gebiet von Rhaja als von Travia. " erbarmte sich Knuta. Elwin erstarrte und wurde schon wieder ganz weiß und Hild fürchtete schon, ihn in den Keller tragen zu müssen, doch er folgte Knuta wortlos.

Vermutlich war sein Geist immer noch damit beschäftigt, die Ungehörigkeit des Erlebten zu verarbeiten.
Der Kellerraum war fast noch gemütlicher eingerichtet, als der Rest des Hauses. Große dunkelrote Sitzkissen lagen über den ganzen Boden verstreut, an den Wänden flackerten dicke rote Kerzen und wo es keine Kerzen gab, waren die Wände mit schweren samtenen Vorhängen verhängt. Knuta nahm auf einem der Sitzkissen Platz, nahm eine Schriftrolle zur Hand und bedeutete dem jungen Paar, sich vor ihr auf dem Boden niederzulassen. Dann begann sie, zu lesen: "Zwei Seelen haben sich heute hier getroffen, um sich im heiligen Bund der Travia zu vereinen, weil... warum eigentlich?" Knuta blickte so verdutzt von ihrer Schriftrolle auf, als habe sie jetzt gerade erst bemerkt, dass sie auf ihre Frage keine Antwort erhalten hatte. "Er hat gedroht, mich köpfen zu lassen, deshalb habe ich eingewilligt." antwortete Hild. "Na, das nenne ich mal gute Voraussetzungen für eine Ehe, so wird zumindest jeder Streit im Keim erstickt. Zumindest, solange sich hier irgendwo in diesem Kaff eine Axt findet, die scharf genug ist, was ich wirklich bezweifle." antwortete Knuta trocken, räusperte sich und begann erneut: "Zwei Seelen haben sich heute hier getroffen, oh Travia, heilige, mächtige, sanfte Travia um sich in deinem Bund zu vereinen. Als gleichberechtigte Partner wollen sie durch's Leben gehen, jeden Berg gemeinsam erklimmen, jedes Tal gemeinsam durchwandern, Seite an Seite bis zu ihrem letzten Tag. Sie wollen ihren Partner mit der Schärfe des Schwertes und der Listigkeit der Worte verteidigen, wollen im Regen ihren Mantel über den anderen legen. Und wird der Erste zu Asche werden, wird sein Geist über seinen Erwählten wachen bis an sein Ende. Gütige sanfte Travia, bitte hilf du diesen beiden Seelen ihre Versprechen zu halten und schütze diesen Bund."

Knuta machte eine kurze Pause und begann, Rautenkraut zu zerstoßen und warf es dann hinter sich ins Feuer. Nach einigen Minuten holte sie die heiße Asche heraus und streute sie Hild und Elwin über den Kopf. "Möge diese Asche euch immer daran erinnern, ewig an diesem heiligen Bund festzuhalten." sie schwieg bedeutsam. "Elwin, wirst du Hild das Schwert reichen, damit sie sich gegen ihre Feinde verteidigen kann? Wirst du ihr Herz schützen, auch wenn du dabei alles verlierst? Wirst du bis in alle Ewigkeit in Treue zu ihr halten?" Elwin nickte eifrig. "Hild, wirst du Elwin mit dem Schwert verteidigen? Wirst du ihn beschützen, wenn er es selbst nicht kann? Wirst du ihn führen, wenn er den Weg nicht sieht?" "Ja, das werde ich!" antwortete Hild. "Hiermit erkläre ich euch zu im Traviabund verflochtenen Seelen, passt gut auf eure Seelen auf!"

Hinter ihnen klatschte auf einmal jemand begeistert in die Hände und die beiden fuhren herum. "Herzlichen Glückwunsch!" quiekte Hesindian, der Hofmagus. Bevor Elwin überhaupt reagieren konnte, war Hild schon vor ihn gesprungen und bereitete ihre Arme aus, um ihn hinter sich zu verstecken. "Mädchen, Mädchen, beruhige dich doch, ich komme in Frieden!” Hild regte sich nicht, also fuhr der dicke Mann fort: “Die Schwarzstiefel wollen deinen Seelengefährten nicht holen, also... doch, genau genommen wollen sie ihn holen. Aber sie kommen von den fünf Heldeninnen und Helden und wollen ihn auf ein neues Abenteuer holen." erklärte Hesindian und fuchtelte theatralisch in der Luft umher. "Oh, na das ist natürlich was ganz anderes!" murmelte Elwin und seine Nase färbte sich rosa. Ob vor Verlegenheit oder Stolz, das wusste wohl nur er selbst. “Dann… muss ich ausziehen in ein neues Abenteuer, das bin ich ihnen schuldig…”

Der Thronsaal der Burg war hell erleuchtet, das Knistern und Knacken der vielen Feuer war das einzige Geräusch in der gespannten Stille.  Die Schwarzstiefel warteten mit verschlossenen Mienen bereit zur Abreise vor der großen Flügeltür. Alle gräflichen Berater standen im Halbkreis um den Thron herum. Manche von ihnen schienen sich scheu in die Schatten drücken zu wollen und blickten mit großen Augen auf das Ungeheuerliche, dass dort direkt vor ihnen passierte. Hild saß auf dem Thron, Elwin kniete vor ihr auf dem Boden und hielt auf einem Kissen seine Krone. "Bitte, Hild, meine Seelenverflochtene, sei während meiner Abwesenheit meine Gräfin und führe die Geschicke Reichsends besser als ich. Regiere mit Weisheit, wo ich mit Angst regiert habe." Hild war das Ganze einfach peinlich. Trotzdem nahm sie die Krone etwas verlegen an und setzte sie sich auf den Kopf, zog Elwin dann zu sich hoch und küsste ihn. "Keine Sorge, die ganzen Berater wissen noch gar nicht, wie ihnen geschieht” flüsterte sie und umarmte ihn, “pass du nur auf meine Seele auf!". Er seufzte, “ich liebe dich, Hild." "Ich liebe dich, Elwin." und diese Worte flüsterten sie sich so leise zu, dass niemand sonst sie hörte, doch sie mussten ausreichen, die Worte, für Wochen, Monate, vielleicht Jahre.

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