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Heldenpicknick
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Schwanentod - eine Heldenpicknick-Geschichte

Eine Heldenpicknick-Geschichte von Robin Thier und June Fontaine. Diese Geschichte spielt zwischen Staffel 1 „Der Finger in den Trollzacken“ und Staffel 2 „Der Rabe erwacht“ des Heldenpicknicks. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen. 


Dröhnend fuhr der leere Humpen auf den Tisch nieder und es wurde schlagartig still in der Taverne, als sämtliche Gespräche verstummten.

„Ups. Weitermachen!“, Thora wischte sich den Schaum vom Mund und brach in lautes Gelächter aus, „Herr Wirt, noch eine Runde!“

Wenn ich mich nicht verzählt hatte, war das bereits ihre Siebte – und ich verzähle mich in der Regel nicht. Als der flinke Wirt das Bier brachte, winkte ich dankend ab und warf einen Blick in die bunt zusammengewürfelte Runde, die ich in den vergangenen Tagen meine Begleiter nennen durfte. Da war zum einen Thora Tannhaus, die ihren siebten Humpen mit einem langen Zug leerte und einen beherzten Rülpser folgen ließ. Die Axt der Thorwahlerin lehnte gewaltig neben ihrem Stuhl und schimmerte in der Glut der Feuerstelle so gefährlich, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Zu ihrer Linken hatte sich Haldorin Linneweber breit gemacht. Wie immer hatte er trotz des warmen Feuers seinen Mantel nicht ausgezogen und es schien, als linste er stetig im Raum umher. Gerade redete er sich in Rage und schwang dabei sein Brett, um seine spitzzüngigen Kommentare zu untermalen. Bei dem Brett handelte es sich um den Teil einer alten Schiffsplanke, die er anstelle einer Waffe mit sich führte, und von dem ich bis heute nicht weiß, ob er sich nicht mit uns allen nur einen Scherz erlaubt. Neben mir, schließlich, saß Binya Gumpleph. Und dann war da noch ihre riesige Katze, die wie ein geisterhafter Schatten immer in ihrer Nähe umherstreunte und dabei den Eindruck machte, als führe sie etwas im Schilde. 

„Ich zahle grundsätzlich kein Trinkgeld“ bemerkte gerade Haldorin mit Entsetzen in der Stimme und griff wieder nach seinem Brett. Binya hob beschwichtigend die Hände: 

„Ich finde, der Wirt hat uns wirklich tüchtig bedient. Da wäre es doch eine gute Geste, wenn wir…“ 

„Aber er wird bezahlt“, fiel er ihr ins Wort, „und das nicht zu knapp. Man hat alles im Voraus bezahlt und es hieß, wir dürften Zechen, was das Zeug hält. Das ist auch wirklich das Mindeste, nach den Schikanen im Gebirge. Fast hätte ich mein Leben dort oben gelassen.“ 

Wieder einmal fuhr das Brett zischend durch die Luft und ich musste lächeln. Haldorin hatte auf große Reichtümer gehofft und nicht einmal sein kostbarer leuchtender Stein, den er hatte retten wollen, war ihm geblieben. Ich stand auf und klopfte auf den Tisch: 

„Kameraden, ich werde mich aufs stille Örtchen zurückziehen.“ 

Scheinbar war der Satz unglaublich lustig gewesen und ich hörte ihr Gelächter noch, als ich mich bereits leicht schwankend zur Tür durchgekämpft hatte. Eiskalt fuhr mir der Herbstwind ins Gesicht und meine Haut schmerzte wie von tausend Nadeln gestochen. Verflucht, war das ein Mistwetter! Ich zog meinen Umhang fester und trat hinaus in den Regen, der in weißen Schleiern gegen die windschiefen Dächer prasselte. Der kleinen Gasse an der Seite der Taverne folgend, gelangte ich in den Innenhof und der Wind ließ erst etwas nach, als ich den Bretterverschlag des Aborts betrat. Kaum hatte ich die Tür hinter mir zugezogen, da knallte es und ein dumpfer Aufprall ließ die fauligen Wände erbeben. Ich fuhr zusammen.

„Ja? Ist da jemand?“

Doch ihr hörte nichts als das Tosen des Windes und das beständige Rasseln des Regens auf den Strohdächern. Vielleicht hatte der Wind eines der Fässer umgestoßen, die zu großen Stapeln aufgetürmt in dem Innenhof gestanden hatten. Doch noch während ich diesen Gedanken formulierte, vernahm ich auf einmal ein zaghaftes Klopfen an der Tür. Kurz stieg Wut in mir auf. Wer wagte es, mich HIER zu stören? Doch als ich die Tür aufdrückte, übernahm der logisch denkende Teil meines Gehirns wieder die Oberhand, sodass meine erste Reaktion nicht darin bestand, den Jungen zu schlagen, der nass wie ein begossener Hund dort draußen vor mir stand und am ganzen Leib zitterte. 

„Seid ihr der Medicus?“ brachte er zwischen dem Klappern seiner Zähne hervor, „ihr müsst mitkommen. Ganz dringend.“ 

Kurz zögerte ich. Was auch immer der Junge von mir wollte, ich war gerade nicht in der Lage zu praktizieren. Meine Sinne waren betäubt und ich würde ganz bestimmt kein Skalpell führen können. Trotzdem nickte ich verbissen. 

„Ein Notfall?“ fragte ich den Jungen, doch dieser reagierte nicht und ich nahm an, dass er meine Feststellung wohl überflüssig fand – schließlich hatte er mich auf dem Abort gestört. 

„Ich muss noch meine Tasche holen.“ knurrte ich und schob ihn zügig die kleine Gasse zurück in Richtung der Taverne. 

So schnell es ging rollte ich die Instrumente, die ich zum Säubern in meinem Zimmer auf dem Bett ausgebreitet hatte, wieder ein und schnürte die Lederbänder zusammen. Da waren noch die Tasche und mein Mantel und in meiner Hektik hätte ich beinahe den Degen vergessen, wenn der Junge ihn nicht bei dem wenig flinken Versuch, nicht im Weg herumzustehen, umgestoßen hätte. Ich schnappte mir die Waffe und während ich sie mir um die Hüfte band, nahm ich den Jungen näher in Augenschein. Hatte er in der Gasse gerade ausgesehen wie ein Streuner oder Bettler, wirkte er im Licht des Kamins eher wie ein ziemlich abgerissener Edelmann mit teurer Kleidung. 

Er mochte vielleicht 16 Jahre alt sein, wirkte schmächtig und sein dunkles Haar stand in alle Richtungen über einem pickligen Gesicht ab. Obwohl er seit unserer Begegnung draußen kein Wort mehr gesagt hatte, schien er förmlich darauf zu drängen, mir seine Geschichte zu erzählen. 

Während ich mich ein letztes Mal im Zimmer umsah, nickte ich in seine Richtung: 

„Also, erzähl. Warum hast du mich aufgesucht?“ 

Er schluckte und schien sich einen Moment zu sammeln, dann blickte er auf und ich sah Tränen in seinen Augen:

„Ihr seid der fahrende Medicus? Mein Onkel hat nach euch rufen lassen vor einigen Monden schon. Es geht um meinen Vater. Er leidet an einem unbekannten Leiden – es geht ihm wirklich schlecht. Und es wird schlimmer von Tag zu Tag. Heute ist es besonders übel mit ihm.“ 

Es schien, als hätte ich mein Gepäck bereit und im nächsten Augenblick hastete ich die Treppe hinab in die Wirtsstube und wieder zurück in den Regen. 

„Alles klar, dann beeilen wir uns lieber. Wo müssen wir hin?“ 

Der Junge rannte hinter mir her und als ich sah, dass er draußen den Stall ansteuerte, packte ich ihn an der Schulter. 

„Wir reiten?“ 

Er blickte mich ungläubig an. „Natürlich. Mein Vater ist der Schwager der Markgräfin Swantje von Rabenmund, der Herr   Ullold von Wengenholm zu Schwanen.“

 Er sagte dies, als sollten die beiden Namen mir etwas sagen und daher beschränkte ich mich auf ein zustimmendes Grunzen, während ich auf das Pferd sprang, das er mir brachte und das scheinbar bereits dort für mich bereitgestanden hatte. Als wir in aller Eile losritten und den schlaftrunkenen Wächter am Tor fast zu Tode erschreckten, dämmerte mir langsam, was es mit der Sache auf sich hatte. Ich war nach Rommilys gekommen, beziehungsweise ursprünglich nach Perricum, da ich gehört hatte, man suche dort nach einem Medicus. Die Ereignisse hatten sich jedoch in den vergangenen Wochen derart überschlagen und ich wurde in ein wahres Abenteuer hineingezogen, dass ich den ursprünglichen Grund meiner Anwesenheit ganz vergessen hatte. Irgendwie musste sich herumgesprochen haben, dass ich in der Taverne „Travias Herd“ gewohnt hatte und daher hatte man jetzt wohl den Jungen geschickt. Ich schüttelte stumm den Kopf. Wo hatte ich nur meine Gedanken, mich Hals über Kopf in ein Abenteuer ins Gebirge zu begeben? Und nun war ich schon wieder ohne einen Plan aufgebrochen und jagte durch die stürmische Nacht. 

„Wolfjan – was machst du da?“ murmelte ich und wünschte mich zurück in die Lehrsäle der Akademie mit ihrem beißenden Alkoholgeruch und den scharfen Kräuterndünsten der Feuerstellen. 

Noch war der Dorfplatz leer - geradezu geisterhaft leer. Wir ritten noch vor Sonnenaufgang in Schwanen ein, einem kleinen Ort, wenige Stunden entfernt von Rommilys. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen und einem dichten Nebel Platz gemacht. In einiger Entfernung ragte die unförmige Silhouette eines Scheiterhaufens auf. Ich fröstelte leicht, als mir die kalte Nässe des Nebels durch meinen Mantel zog, dann wandte ich mich von der einsamen Kulisse ab und trat durch die Tür des großen Hauses, vor dem wir Halt gemacht hatten. Sofort wurde ich von Wärme umfangen. 

Im matten Schein des flackernden Lichts einiger Leuchter erkannte ich die Silhouetten einer kleinen Gesellschaft. 

Sofort bemerkte ich ihn: Ein Inquisitor stand im hinteren, dunklen Teil des Raumes. Diese finstere Gestalt, das spürte ich, verhieß nichts Gutes. Statt darauf zu warten, dass der Junge aus dem Stall zurückkam, in dem er gerade die Pferde gebracht hatte, um mich den Anwesenden vorzustellen, näherte ich mich dem Inquisitor. 

Er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Als ich direkt vor ihm stand, räusperte ich mich und er blickte mich mit unnatürlich funkelnden Augen an. Der Rest seines Gesichts lag noch immer im Dunkel. 

„Was geht hier vor?“, fuhr ich ihn an, „Was macht IHR hier? Das hätte ich mir denken können, dass die einfältigen Dorftrottel als erstes jemanden anzünden wollen“. 

Ein leises Ächzen der anderen Anwesenden ging durch den Raum, doch der Inquisitor verzog keine Miene. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie der Junge herbeigeeilt kam. 

„Herr Medicus“, „rief er, „lasst mich euch vorstellen.“ 

Ich winkte ab und richtete meine Aufmerksamkeit endlich auf die anderen Personen im Raum. Es waren drei an der Zahl: Eine hochgewachsene Frau, die ihr Haar in einen strengen Knoten gebunden hatte und deren Alter ich unmöglich einzuschätzen vermochte. Ihr helles Haar hätte ebenso gut weiß sein können und das spärliche Licht in dem Raum verwandelte jedes Gesicht in das tanzende Portrait eines faltigen Alten. Die zweite Person war ein kleiner Mann, dem man sein Alter dafür umso mehr ansah. Er stützte sich auf einen glatten Stock und wirkte eingefallen und so verschrumpelt, dass sich mir das Bild von getrockneten Pflaumen aufdrängte. Er blitzte mich über eine krumme Nase hinweg finster an und ich vermutete, dass er mir meine nicht-standesgemäße Begrüßung übelnahm. Der dritte im Bunde war ein Mann, in den der Alte zehnmal gepasst hätte. Er war nicht nur stämmig sondern gigantisch, sowohl was seine Größe, als auch seinen Bauchumfang anging.

Die Frau trat hervor „Libana von Wengenholm zu Schwanen“, sie kniff die Augen zusammen, „und ihr müsst der junge Medicus sein?“ 


Ich nickte leicht und trat einen Schritt zurück, bevor ich mich vor den Anwesenden verbeugte.

„Es tut mir Leid, dass ich meine Manieren vergessen habe; die Reise hat mich sehr angestrengt. Ich bin der Medicus Wolfjan Krautson, zu euren Diensten.“ 

Die Frau machte eine Bewegung mit der Hand und wies dann in Richtung einer schweren Eichentür am Ende der Halle. 

„Elwin, führe den Herrn Krautson zu seinem Patienten. Je schneller wir den Grafen heilen können, desto besser“. 

Der Junge sprang herbei und gemeinsam verließen wir den Raum. Ich blickte noch einmal missmutig zum Inquisitor hinüber und fragte mich, warum er wohl hier war. Auch keine der anderen Personen waren mir vorgestellt worden. 

„Sag Elwin, wer war der alte Mann, der mich die ganze Zeit gemustert hat, als wolle er mich auffressen?“ 

Der Junge erstarrte kurz, bevor er den Weg durch die unbeleuchteten Korridore fortsetzte. 

„Das war Herr Sandström von Drosselhuhde, er ist schon lange ein Freund der Familie und derzeit wohnt er hier mit im Haus. Mein Vater hat eine Schuld bei ihm und seit der Alte pleite gegangen ist und sein Hof vom Markgrafenhaus gepfändet wurde, ist es an uns, diese Schuld abzutragen - indem wir seine Launen jeden Tag ertragen müssen.“ fügte er noch hinzu. 

Ich runzelte die Stirn: „Und wer war der 

andere? Der Mann mit Kapuze? Ein Inquisitor?“ 

„Wir nennen ihn nur Pecher. Er ist ein böser Mann, der hierher kam wegen dem Prozess.“ 

„… wegen des Prozesses“ korrigierte ich den jungen Elwin halblaut und versank dann in Gedanken. 

Dann war der Mann tatsächlich ein Inquisitor gewesen wie ich vermutet hatte. Aber warum gerade hier? Und warum jetzt? Eigentlich sehnte ich mich nach einem Bett, doch einen kurzen Blick auf den Kranken, dem ich die ganze Reise zu verdanken hatte, musste ich mir noch leisten.

„Hier sind wir. Das sind die Gemächer meines Vaters“ verkündete Elwin und blieb vor einer reich verzierten Tür stehen. Eine einzige Fackel erhellte den Bereich rund um den Türrahmen, der Rest des Flures lag im Schatten. Als ich Anstalten machte, die Tür zu öffnen, zuckte der Junge zusammen und ich hielt inne. 

„Was ist?“ 

„Ich betrete Vaters Schlafzimmer nicht. Niemals. Verzeiht.“, stotterte er und lief dann den Flur weiter entlang außer Sichtweite. 

Die Situation wurde immer seltsamer. Verwirrt zog ich die Tür auf und betrat den Raum dahinter. Schon beim Betreten des Raumes stank es derart nach Tod und Verwesung, dass mir die Augen tränten. Ich ignorierte die Kleidung und die strohgefüllten Kissen, die im ganzen Raum verteilt lagen, näherte mich vorsichtig einem Fenster und stieß die hölzernen Fensterläden beiseite. Sofort strömten die kühle Morgenluft und ein wenig Licht ins Zimmer hinein, sodass ich nun in der Lage war, die Schemen eines Bettes am Ende des Raumes auszumachen, auf dem ein ausgemergelter Körper lag. 

„Herr zu Schwanen?“ sprach ich ihn an, erhielt jedoch keine Antwort, sodass ich etwas näher herantrat. Der Mann mochte seine 50 Sommer zählen und hatte schütteres, leicht ergrautes Haar, das im Widerspruch zu seiner blassen, fast wächsernen Haut stand, die sich unnatürlich über seinen Schädel spannte. Der Mann wirkte eher tot als lebendig und ich musste genau hinschauen, um das leichte Heben und Senken der Brust zu erkennen, das anzeigte, dass noch ein kleiner Rest Leben in seinem Körper war. Sofort suchte ich nach Anzeigen einer Krankheit, den typischen Symptomen wie Ausschlag, den gefürchteten Eiterbeulen oder blutig gekratzten Flecken. Doch sah ich nichts von alledem. Es wirkte, als sei der Mann mindestens hundert Jahre alt und das Leben einfach aus ihm herausgeflossen. Ich berührte seine Stirn. Sie war kalt und nicht wie erwartet fiebrig heiß. Eine feine Schweißschicht bedeckte seine Haut. An den Fingernägeln entdeckte ich dunkle Verfärbungen, ebenfalls rund um Mund, Nase und Ohren. So etwas hatte ich noch nie gesehen – jedenfalls nicht ohne die typischen Anzeichen wie Fieber oder Schüttelfrost. 

„So liegt er schon seit Wochen.“

Ich fuhr herum und sah einen der Männer von unten in der Tür stehen. Es war der dicke Mann, der mich nun schwer atmend musterte. 

„Ich komme nicht oft hier herauf, aber ich musste mit euch sprechen“, brachte er schließlich heraus. 

„Und ihr seid?“ frage ich ihn kalt – er hatte mich bei der ersten Aufnahme der Symptome gestört. Diese erste Beobachtung war ein Prozess, für den ich normalerweise Zeit und Ruhe brauche um wie in einer Trance jedes noch so kleine Anzeichen zu einem Gesamtbild einer Krankheit zusammenzusetzen. 

„Ich bin der Koch des Hauses“, fuhr der Mann fort, „Aren Pfannhäuser heiße ich, mein Vater war Kuche Pfannhäuser aus Rommilys. Er war der Gründer der Pfannhäuser Garstelle am Markt von Rommilys“. 


Ich blickte ihn weiter schweigend an. Manchmal ist ein schweigender Blick alles, was es zu sagen gibt. Er macht die Menschen mürbe, da sie einen nicht auf Anhieb einschätzen können und dadurch ist man im Vorteil. Das hatte jedenfalls mein Lehrmeister an der Akademie immer gesagt. 

Pfannhäuser hüstelte nervös: „Ich war jedenfalls dabei, als unser Herr den ersten Anfall bekam.“ 

Nun wurde ich hellhörig. 

„Ein Anfall? Könnt ihr mir mehr über sein Leiden berichten?“. 

Langsam fasste sich der Mann und rang nicht mehr nach Atmen. 

„Natürlich, aber das ist nicht der Grund, warum ich hier bin. Ihr habt ihn gesehen unten, den Inquisitor. Er ist hier, weil ihn die Frau Wengenholm rufen ließ. Sie macht meine Magd dafür verantwortlich. Sie soll den Herrn Grafen mit Hexerei vergiftet haben aber ich weiß, sie ist unschuldig. Hexerei, dass ich nicht lache. Die gute Olga hat nie auch nur einer guten Seele was zuleide getan. Sie war aber erst zwei Monate im Haus, als der Anfall kam und seitdem heißts, wir hätten uns eine Hexe ins Haus geholt. Eine von den Waldfrauen, die auf die guten Leute Jagd machen…“

„Was hat es denn nun mit dem Anfall auf sich?“ unterbrach ich den Redefluss des Mannes, der sichtlich aufgeregt schien. „Wenn ich euch helfen soll, muss ich jedes Detail und jede noch so kleine Kleinigkeit kennen.“ 

„In Ordnung, aber nicht hier.“ Sein Blick fuhr zum Bett hinüber und ich warf ebenfalls einen letzten Blick auf den Kranken, bevor ich dem Mann in einen Nebenraum folgte, in dem sich nichts als ein Tisch und zwei Stühle befanden. Es schien, als werde das gesamte Stockwerk nicht mehr benutzt. Ich hatte Mitleid mit dem Mann, der so zusammengekauert auf dem Stuhl hockte, dass er unter der Masse des Mannes wie ein Spielzeug wirkte.

„Aren Pfannhäuser, richtig? Dann erzählt mir doch einmal von Anfang an, was es mit der Krankheit des Herrn Grafen auf sich hat.“ 

Er hob den Kopf: „Koch bin ich, bei der Familie Wengenholm hier in Schwanen, und das auch schon eine ganze Weile. Aber der Haushalt wächst und es muss einige Monate her sein, da frage ich den Herrn Grafen, ob er nicht ein Mädchen einstellen könnt. Als Magd, für die Küche, die Bedienung der Herrschaft, die Pflege der Kamine und so weiter. Ihm gefiel die Idee und ich bekam eine Küchenhilfe. Olga. Ist nicht auf den Mund gefallen, die Gute. Die weiß sich auszudrücken, hehe. Und Widerworte hat sie gegeben, da kannste was lernen. Ich musste ihr das eine oder andere Mal mit dem Besen eins drüber geben. Trotzdem hat sie sich gut gemacht und fing dann irgendwann fest an. Vorher hat sie nämlich nur an den heiligen Tagen gearbeitet, wenns viel zu tun gab. Ja und zwei Tage später war dann die Sache mit dem Anfall.“ 

Ich hatte mir währenddessen Feder, Tinte und Papier aus meiner Tasche gekramt und schrieb eifrig mit, was mir der Mann erzählte. Ich hatte schon so eine Ahnung, in welche Richtung die Geschichte des Kochs gehen würde. 

„Olga macht wirklich hervorragende Kräuterpfannküchle, natürlich nicht so gut, wie meine, nech? Denn einem echten Pfannhäuser ist die Gabe der Kräuterpfannküchle praktisch in die Wiege gelegt! Ihr Braten ist allerdings eine Ka-tas-trophe!“

Aren Pfannhäuser schaute mich so empört an, als wäre ich persönlich dafür verantwortlich, dass das Mädchen keinen ordentlichen Braten zubereiten konnte. 

„Mein lieber Pfannhäuser, ihr wolltet mir doch von dem Anfall erzählen.“ erwiderte ich höflich und ließ die Feder unruhig auf dem Papier zittern. 

„Richtig, richtig. Also, an dem Tag des Anfalls gab es morgens Frühstückspfannküchle mit frischer Ziegenmilch und Brenesselsaft. Eine wahre Delikatesse. Mittags habe ich ein dunkles Landbrot mit Pilzen und als Nachspeise ein Birnenkompott vorbereitet und abends gab es dann eine leichte Suppe, ausgekocht aus aus Hühnerbeinen, Ochsenschwanzspitzen und Pferdemilch, die ich dem Grafen persönlich eingeflößt habe, denn Olga durfte ja nach dem Anfall nicht mehr hinauf und die Gräfin betrauerte noch ihren Gatten. Ach, es war eine schreckliche Aufregung! Und dann kam direkt der Inquisitor. Stellt euch vor, die nächste Inquistur ist in Bellemonar, das ist ein Tagesritt und doch kam direkt am selben Abend der Inquisitor. Ich sags euch, da geht es nicht mit rechten Dingen zu! Da habe ich natürlich am nächsten Tag direkt eine Torte gebacken mit kandierten Eselsohren, denn nach so einem Schock...“ 

„Stopp, stopp, stopp!“ unterbrach ich den Redeschwall des Kochs erneut. 

Es war normalerweise nicht meine Art, so aus der Haut zu fahren, doch dass der Graf im Sterben lag war unverkennbar und die Menüfolge des Folgetages würde mir bei der Diagnose der Krankheit sicherlich nicht helfen! 

„Lieber Pfannhäuser. Ihr müsst mir von dem Anfall selbst erzählen. Ihr sagtet doch, ihr wüsstet, was passiert ist!“

„Ja ja, na klar, ich war gerade in der Küche, da kam Olga hineingelaufen, sie hatte dem Grafen gerade seinen nachmittäglichen gräflichen Hoheitstee gebracht. Dieser Tee ist ein streng geheimes Familiengeheimrezept, er besteht aus einer Prise gemahlener Kuhhaare, aber nur die schwarzen, das ist ganz wichtig, aus eingelegten Kirschkernen, einer Prise getrockneter Kaulquappen...“ 

Ich räusperte mich vernehmlich: „Pfannhäuser, der Anfall!“

„Ach, richtig, richtig! Also die Olga kam rein und weinte und sagte, dass der alte Graf einen Anfall hatte und jetzt ganz tot aussieht.“ 

Der Koch verschränkte zufrieden die Arme vor dem enormen Körper und schaute so zufrieden wie die schlimmste Dorfmutter, die endlich der Nachbarin erzählen kann, dass sie neulich ganz sicher die Tochter der anderen Nachbarin in einem skandalös kurzen Rock und in Begleitung eines Elfen gesehen hatte. 

„Das heißt, ihr habt den Anfall gar nicht selbst gesehen?“ fragte ich und fühlte mich gleichzeitig frustriert und hinters Licht geführt. 

„Nein, natürlich nicht, ich war doch in der Küche!“ erklärte er und schaute mich verständnislos an. 

„Danke Pfannhäuser!“ murmelte ich mit zusammengepressten Lippen. 

Der Koch wirkte nett, doch er hatte mir wertvolle Zeit gestohlen, die ich brauchte, um dem Grafen zu helfen. 

„Ich muss jetzt wieder zum Grafen.“ sagte ich frostig und ging zur Tür, die den kargen Nebenraum vom Schlafzimmer des Grafen trennte. 

„Oh na klar!“ trompetete der Koch und sah jetzt ein wenig zerknirscht aus. „Und wenn ihr mal einen echten Pfannhäuser Kräuterpfannküchle essen möchtet, mit Ochsenblut, gutem Schmalz, Brennnesseln, Radieschen...“ 

„Danke, Pfannhäuser!“ rief ich über die Schulter und schlüpfte zurück ins Zimmer des Grafen. Ich nahm mir vor, niemals einen von Pfannhäusers Kräuterpfannküchle, oder überhaupt irgendetwas aus Pfannhäusers Küche zu essen. 

Ratlos betrachtete ich den Grafen, Pfannhäusers Schilderung der Geschehnisse hatte mich kein Stück weiter gebracht. Der Graf sah weiterhin aus, wie tot. Im Raum war es inzwischen ziemlich kühl, doch die Wangen des Grafen hatten sich nicht rosig gefärbt. Was war das für eine seltsame Krankheit?

„Er ist verhext worden! Die kleine Küchenhure war es, da bin ich mir ganz sicher! Sie hat meinen armen Ullold auf dem Gewissen!“ 

Hinter mir war lautlos die Gräfin aufgetaucht und schluchzte theatralisch in ein reich besticktes Taschentuch. Vor Schreck ließ ich eine silberne Schwingungsgabel fallen, mit der ich gerade untersuchen wollte, ob sich der Körper noch im Gleichgewicht befand. Das war alte kandellanische Heilkunst, doch die Symptome des Grafen waren so diffus, dass ich nach jedem Strohhalm griff. 

„Ihr glaubt, Olga das Küchenmädchen hat Ihren Gatten vergiftet?“ fragte ich. 

„Nein, natürlich nicht, das wäre ja lächerlich!“ schnaubte die Gräfin empört und ich atmete erleichtert aus. Ich hatte befürchtet, mir noch mehr Unsinn über Hexen anhören zu müssen. 

„Sie hat ihn selbstverständlich verhext!“ erklärte die Gräfin majestätisch, als gäbe es überhaupt keinen Zweifel an der Richtigkeit ihrer Aussage, ich konnte mich gerade noch beherrschen, nicht mit den Augen zu rollen. 

„Und wie kommt Ihr zu dieser Annahme?“ fragte ich mit gequältem Lächeln. 

„Na, ist das nicht offensichtlich? Mein geliebter Gatte ist nahezu tot. Das Leben hat seinen Körper verlassen, nur die bösen Geister bewohnen seinen Körper. Die kleine Dirne aus der Küche hat böse Geister beschworen und ihn mit Zauberformeln verhext und jetzt wird er sterben.“ jammerte die Gräfin und schnäutzte sich erneut in ihr Tuch. 

Sie mochte traurig aussehen, doch auf mich wirkte ihr Gehabe nur gekünstelt - und das nicht einmal besonders gut. 

„Dann werde ich jetzt wohl Olga anhören müssen.“ seufzte ich. 

Viel lieber hätte ich ein wenig in meinen Büchern gestöbert, um die passende Medizin für die seltsame Krankheit zu finden, doch an diesem verrückten Ort war dafür wohl keine Zeit. Vielleicht, so dachte ich mir, würde ich in Ruhe arbeiten können, wenn ich die Gräfin davon überzeugte, dass Olga aus der Küche keine Hexe war. Denn dass es sich um eine Vergiftung handelte, stand außer Frage, selbst wenn das Küchenmädchen tatsächlich für die Krankheit des Grafen verantwortlich war, hätte sie ihn vergiftet und nicht verhext. 

„Das könnt ihr natürlich machen, doch es wird nichts nützen, Olga wird heute Abend verbrannt!“ erklärte die Gräfin gelangweilt. 

„Was? Nein! Das dürft ihr nicht machen!“ schrie ich entsetzt und erntete einen scharfen Blick. 

„Ich darf sehr wohl alles tun, um meinen geliebten Gatten zu retten! Außerdem seid ihr, geehrter Krauter, viel zu spät. Ich hatte schon vor sechs Wochen nach euch schicken lassen, doch da hieß es, ihr seid weitergereist zu einem ‚Abenteuer‘.“ verächtlich spuckte sie mir die Worte vor die Füße und ich verfiel in einen flehenden Ton: 

„Ich bitte euch inständig, lasst das Mädchen am Leben! Lasst mich zumindest zuerst mit ihr reden und versuchen, den Grafen zu heilen.“ 

Sie zuckte die Schultern. „Das Mädchen ist im Kerker, der ist einfach zu finden, immer dem Geschrei nach. Ich verschiebe die Hinrichtung für euch auf morgen früh, wenn der Hahn zum dritten Mal kräht.“ erklärte die Gräfin gönnerhaft und entblößte beim Grinsen spitze Zähne. 

„Danke!“ rief ich und war schon aus der Tür.

Ich eilte die Treppen hinunter, bis ich atemlos das erste Kellergeschoss erreichte. 

Ich sage erstes Kellergeschoss, denn es gab noch sieben weitere, was ich für so einen kleinen Herrensitz maßlos übertrieben fand. 

Keuchend stützte ich die Hand in die Seite und blickte mich um. Ich stand in einer großen Küche, in der es nach irgend etwas… roch. Pfannhäuser stand mit dem Rücken zu mir an dem riesigen Ofen, der sogar ihn zierlich aussehen ließ und schwenkte eine gigantische Pfanne. Ich vermied es, dem ekelerrengenden Geruch, der mich leicht an tote Ratten erinnerte, auf den Grund zu gehen und schlich mich leise die zweite Kellertreppe hinunter, bevor mich Pfannhäuser darüber aufklären konnte, was er da in der Pfanne briet. 

Im zweiten Kellergeschoss öffnete sich vor mir ein großer Raum, der wohl die Vorratskammer war - und die war erstaunlich leer für einen Herrensitz. Nur wenige Fässer und Säcke lehnten an der Wand. Weiter hinten konnte ich ein Lager aus Stroh ausmachen, auf dem Pfannhäuser sicherlich seine Mittagsschläfchen machte, wenn niemand allzu genau auf ihn achtete. Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf und stieg die nächste Treppe hinab. 

Das dritte Kellergeschoss bestand aus einem langen Korridor mit vielen Türen zu beiden Seiten. Ich vermutete, dass hier wohl die Dienstboten wohnten. Gleichzeitig wunderte ich mich, bisher hatte ich nur den Koch gesehen, Olga saß im Kerker und vielleicht gab es noch ein Mädchen zum Putzen, doch dieser Keller bot Platz für mindestens sechzig Bedienstete, schätzte ich. Der darüberliegende Herrensitz war klein, hatte nur zwei Stockwerke und bot gerade Platz für eine kleine herrschaftliche Familie. Niemals bräuchte ein so kleiner Herrensitz sechzig Angestellte. Eine Merkwürdigkeit reihte sich an die nächste. 

Verwundert stieg ich die nächste Treppe hinunter. Der Treppenabsatz war schmal, rechts ging es weiter die Treppe hinunter, geradeaus versperrte mir eine dicke Eichentür den Zutritt zu diesem Stockwerk. Alte Runen waren in die Tür eingeritzt, doch sie waren so alt, dass ich sie nicht mehr entziffern konnte. Mit einem eigenartigen Gefühl schlich ich an der Tür vorbei, als schliefe hinter ihr etwas Böses, das ich nicht wecken wollte. 

„Wolfjan, Wolfjan, du wirst doch wohl nicht wunderlich auf deine jungen Tage!“ murmelte ich bestimmt und stieg vorsichtig die nächste Treppe hinab. Erleichtert atmete ich auf, als ich erkannte, dass im fünften Kellergeschoss alte Möbel und ähnlicher Krempel lagerten, Dinge, die man üblicherweise im Keller aufbewahrte. 

Das sechste Kellergeschoss war komplett leer, keine Fässer, keine kaputten Betten, nichts, nur ein leerer großer Raum, der so dunkel war, dass ich dessen Wände in den Schatten nicht einmal ausmachen konnte. Schnell stieg ich die letzte Treppe hinab. 

Hier war ich im Kerker angekommen. Er sah fast so aus, wie der Dienstbotengang weiter oben, nur dass sich hier Gittertüren an der Wand reihten und keine Holztüren. Der Kerkermeister, der hier wohl auch die Funktion des Henkers und Folterknechts ausübte, saß in einem unförmig gestopften Ledersessel am Anfang des langen Ganges. Sein Beil lehnte an der Wand, die Maske hatte er darüber gehängt. 

„Juten Tach! Wat kann ich für dich tun?“ fragte er fröhlich. 

„Wolfjan Krautson, Medicus, ich suche Olga aus der Küche.“ flüsterte ich atemlos. 

„Ach, die arme Olga. Sitzt in Zelle Nummero eins, sie is grad die einzige Insassin. Schlimme 

Jeschichte dat! Hmm?“ erklärte er locker. 

„Dass sie eine Hexe ist, oder dass sie unschuldig verdächtigt wird?“ fragte ich. In diesem Haus voller Verrückten konnte man sich ja bei niemandem sicher sein. 

„Na dat se falsch verdächtigt wird! Ist doch schlimm! So‘n junges Ding! Un dann Hexerei, na dat ich nicht lache, wo gibt‘s denn sowat?“ er schüttelte den Kopf. „Alles Irre hier, Krauter, ich sach et dir, alles Irre, Kratbrausen!“ erklärte er dann weiter und tippte sich an die Stirn. 

„Aber... aber, der Scheiterhaufen, du bringst sie doch um...“ erklärte ich fassungslos. 

„Ja, dat is mein Beruf. Wat soll ich denn machen? Hab Frau und drei Kinder im Nachbarort, die brauchen halt wat zu beißen.“ klärte er mich gut gelaunt auf. Schnell nickte ich in Richtung der Zellen, ich hatte gerade keine Zeit für ethische Diskussionen, obwohl mir der junge Henker eigentlich ganz sympathisch war. 

Olgas Zelle war die erste auf der linken Seite. Sie saß zusammengesunken in der hintersten Ecke, hatte die Beine angezogen und den Kopf auf die Knie gelegt. 

„Olga?“

Sie hob langsam den Kopf. „Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“, fragte sie misstrauisch. 

Schon an ihrer Stimme hörte ich, dass sie noch sehr jung war. Dies war vermutlich ihre erste Anstellung und, wenn ich sie nicht rettete, wäre es auch ihre letzte. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. 

„Wolfjan Krautson. Ich bin Medicus. Ich bin gekommen, um den Grafen zu heilen.“ eröffnete ich und wurde sofort von einer hektischen Geste unterbrochen. 

„Na und? Ihr glaubt doch sicherlich auch, dass er von mir verhext wurde.“ rief Olga trotzig. 

„Nein, das glaube ich überhaupt nicht. Ich glaube, er ist aus irgendeinem anderen Grund krank und den möchte ich herausfinden. Und ich glaube nicht, dass ihr damit was zu tun habt, ich will euch retten!“ rief ich in ihre Zelle hinein. 

„Mich retten?“ Ein bisschen Hoffnung war in ihre Stimme zurück gekehrt. Langsam erhob sie sich und ging einige Schritte auf die Zellentür zu. 

„Olga, ihr müsst mir alles erzählen, was ihr weißt! Ihr habt doch dem Grafen seinen Nachmittagstee gebracht?“

„Ja, das habe ich! Pfannhäuser hatte wieder einen seiner ekeligen Gifttees gemacht.“ begann Olga. 

„Gifttee?“ fragte ich alarmiert. 

„Ach, natürlich ohne Gift! Aber sie riechen so ekelig, deshalb habe ich sie Gifttee genannt. Ich habe Pfannhäuser vorgeschlagen, einen wohlschmeckenden Tee aus Rosenblüten und Kamille zu machen, aber er hat mich ausgelacht und stattdessen einen besonders stinkenden Tee zubereitet. Der Graf ist schon ganz grün geworden, als er ihn nur gerochen hat. Nach dem ersten Schluck hat er gehustet, aber dennoch weitergetrunken, nach dem zweiten Schluck ist er auf einmal ganz weiß geworden und nach dem dritten Schluck ist er in seinem Sessel zusammengesunken und hat gezuckt und blauer Schaum kam aus seinem Mund und seinen Ohren.“, sie gestikulierte nun wild in ihrer Zelle herum. 

„Aus seinen Ohren sagst du?“ fragte ich nachdenklich, an irgendetwas erinnerte mich der blaue Schaum, doch ich konnte den Gedanken nicht ganz fassen, es war wie ein Wort, das einem auf der Zunge liegt und das dennoch nicht einfallen will. 

„Bitte Wolfjan, ihr müsst mir helfen!“ weinte Olga verzweifelt und blickte mich aus großen Rehaugen an. 

„Ich rette euch, Olga, versprochen!“ versicherte ich und in diesem Moment war es mein voller ernst. Ich würde sie retten.

„Na, ob das noch möglich ist?“ 

Der Alte, Falk Sandström von Drosselhuhde, war hinter mir aufgetaucht und betrachtete mich im Schatten der Fackeln aus Schlangenaugen. Ich hatte ihn nicht kommen hören. 

„Man sollte schließlich nichts versprechen, was man nicht halten kann...“ erklärte er und die Worte verhallten langsam in dem langen Flur. 

„Entschuldigt bitte, ich muss zurück zum Grafen.“ erklärte ich knapp. Der Alte war der Letzte, den ich jetzt sprechen wollte. Ich brauchte dringend Zeit, um in meinen Büchern zu forschen, doch Zeit war genau das, was ich nicht hatte. 

„Es ist doch immer so, am Ende wird das Dienstmädchen gehenkt, ob sie es nun war, oder nicht.“ erklärte er und lächelte mich an, sein Mund verzog sich dabei zu einer gruseligen Fratze. 

Er folgte mir die Treppe hinauf, einen halben Schritt hinter mir, sodass ich seinen Atmen im Nacken spürte. 

„Wusstet ihr, Wolfjan Krautson, dass ich auf diesem Schloss geboren worden bin? Sollte der Graf sterben, wird es an mich fallen.“ 

Ein leiser Verdacht beschlich mich.

„Ihr wart es, ihr habt den Grafen vergiftet!“ ich drehte mich so plötzlich um, dass Drosselhuhde fast vor Schreck die Treppe heruntergefallen wäre. 

„Lieber Krautson, selbst wenn es so wäre, gäbe es keine Möglichkeit, mich zu überführen. Alle sind der Meinung, dass es das Mädchen war, sie wird dafür sterben, ganz egal, wer es denn wirklich war.“ erklärte er ungeduldig, so als wäre ich ein bisschen schwer von Begriff. 

Was war das? Er hatte quasi zugegeben, dass er den Grafen vergiftet hatte. Doch er hatte recht, ich würde es ihm nicht beweisen können. Wenn ich den Grafen heilen könnte, dann könnte ich Olgas Hinrichtung vielleicht verzögern, bis ich den Schuldigen zweifelsfrei überführt hatte. Getrieben von dem Gedanken rannte ich die Treppen weiter hoch und ließ den Alten hinter mir zurück. 

„Krautus, konntet ihr etwas erreichen?“ die Gräfin mit den spitzen Zähnen fing mich in der Küche ab. 

„Ich glaube, euer Gatte wurde vergiftet und ich werde mich sofort an meine Bücher setzen, um ein Gegengift zu entwickeln!“ rief ich voll grimmigem Tatendrang. 

„Na, dann sputet euch, lang macht er’s wohl nicht mehr.“ Drosselhuhde war mir erstaunlich schnell gefolgt. 

„Ihr könnt das Gästezimmer beziehen. Pfannhäuser wird euch bewirten.“ bot mir die Gräfin an. 

„Danke, ich habe bereits ein Zimmer im Gasthof reserviert.“ erklärte ich mit einem misstrauischen Blick in Pfannhäusers Pfanne, in der etwas herumschwamm, das wie eine Kakerlake aussah.

Der Gasthof im Ort war sehr gemütlich. Ich bekam ein Zimmer im Dachgeschoss mit einem breiten Fensterbrett zugewiesen, auf dem ich meine Bücher ausbreitete. Die Wirtin brachte mir eine Brotzeit, die den Namen Brotzeit auch tatsächlich verdient hatte. Doch so sehr ich auch die Seiten wälzte, ich fand keine Antwort auf den blauen Schaum und dabei war ich mir sicher, dass die Antwort zum Greifen nah war. Es musste eine Antwort geben, doch das Gesamtbild ergab keinen Sinn – irgendetwas fehlte, es war etwas ganz Einfaches. Immer wieder blickte ich hinauf ins Gebälk und fragte mich, wie es wohl Olga gehen mochte, in ihrer Zelle. Ich schüttelte mich. Die holde Maid in Nöten? Wolfjan, das ist armselig. Aber was sollte ich tun, ich war nun einmal hier und ich konnte etwas an der Situation ändern. Hoffentlich.

Ich musste über meinen Überlegungen wohl eingeschlafen sein, denn als ich aus einem traumlosen Schlaf aufschreckte und ein halb geöffnetes Buch von mir herunter schob, hörte ich draußen großes Geschrei und blickte schlaftrunken in Richtung des kleinen Fensters. Es war noch immer finster draußen, das Feuer in dem Kamin war fast heruntergebrannt, doch von draußen erhellten orangerote Flammen mein Zimmer. 

„Olga!“ schrie ich erschreckt und war schon aus meinem Zimmer gestürzt. 

Sie verbrannten Olga. 

Sie verbrannten sie früher, als die Gräfin versprochen hatte! Ich riss die Tür des Gasthofes auf und kämpfte mich durch die Menschenmenge auf dem Dorfplatz bis zum Scheiterhaufen. Dieser brannte schon lichterloh und die Hitze schlug mir entgegen. 

Was tun? 

Was konnte ich noch tun? 

Ich blickte mich nach einem Eimer mit Wasser um oder einer großen Decke, irgendwas. Die Menschen lachten und johlten und Olga stieß ihre letzten Todesschreie aus, das Gesicht zu einer Totenmaske verzerrt. Ich hatte versprochen, sie zu retten und dann war ich eingeschlafen – einfach so! Fassungslos starrte ich auf den Scheiterhaufen, stand dort wie festgewachsen und konnte mich kein bisschen bewegen. Olgas Todesschreie waren in der Zwischenzeit verstummt, jetzt war nur noch das Prasseln des riesigen Feuers zu hören. Tränen rannen mir über die Wangen und vermischten sich mit der Asche der Flammen, die wie Schnee durch die Luft wirbelte. Die Menschenmenge verlief sich langsam wieder, als das Holz ausbrannte. Doch aus den verkohlten Überresten hörte ich deutlich, wie das Flüstern des Windes: 

„Wolfjan Krautson, du wolltest mich retten!“ Immer und immer wieder flüsterte der Wind diese Worte. 

„Endlich ist die verfluchte Hexe tot!“ 

Erst jetzt bemerkte ich, dass die Gräfin nur wenige Schritte neben mir stand. Glühende Wut brannte in mir auf und löste mich aus meiner Starre 

„Sie war keine Hexe! Ihr habt eine unschuldige Frau getötet!“ schrie ich außer mir und trat einen Schritt auf sie zu. 

Es war mir völlig egal, ob ich der nächste war, der auf diesem Scheiterhaufen verbrannt werden würde. 

„Sie war eine Hexe und ich habe das einzig Richtige getan, um meinen Mann zu retten!“ erklärte die Gräfin hochmütig. „Und jetzt können Sie geehrter Krautschraut endlich meinen Mann heilen.“. 

„Auf gar keinen Fall! Ihr könnt Euren Mann meinetwegen selbst heilen, doch ich arbeite nicht für eine Mörderin.“ 

Dem Grafen nicht zu helfen, das verstieß gegen meinen Kodex, doch im Moment war mir wirklich alles egal. Es war sowieso alles meine Schuld, wäre ich nicht auf dieses verdammte Abenteuer, auf diese Suche nach dem Artefakt im Gebirge gegangen, dann wäre ich früher hier gewesen und hätte den Grafen vielleicht retten können und Olga wäre nicht verbrannt worden. Ich drehte dem erstaunten Gesicht der Gräfin den Rücken zu und ging schleppenden Schrittes zurück in mein Zimmer im Gasthof, schloss die Tür ab und legte mich ins Bett und wartete, bis der Schlaf wie eine Erlösung über mich kam.

Am nächsten Morgen wurde ich früh durch lautes hastiges Klopfen an meiner Zimmertür geweckt. 

„Wolfjan, Wolfjan, bitte macht auf Wolfjan!“ hörte ich Elwins Stimme dumpf durch die Tür und direkt darauf die Stimme der Wirtin. 

„Was machst du da, Bengel? Weck mir doch nicht meine Gäste! Schleich dich!“ zischte sie ärgerlich. 

„Aber ich muss zum Medicus!“ jammerte der Junge. 

Müde erhob ich mich und schloss die Tür auf. 

„Ist schon gut, der Junge kann reinkommen.“ 

„Wolfjan, du musst zurückkommen, mein Papa stirbt!“ der Junge stolperte in mein Zimmer und begann bitterlich zu weinen. „Bitte rette meinen Papa!“. 

Erneut fühlte ich nichts als Hilflosigkeit. Der weinende Junge erinnerte mich daran, weshalb ich eigentlich Medicus hatte werden wollen, um Menschen zu retten. Deshalb war ich auf die Akademie gegangen, deshalb hatte ich Nächte lang durchgelernt und sogar meine verfluchte Angst vor Blut überwunden. Und da war es. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. 

„Elwin, du bist ein Genie!“ schrie ich und packte ihn an den Schultern. Erschrocken schaute er mich an. 

„Die spinnen doch.“ hörte ich die Wirtin murmeln, als sie wieder in Richtung Gaststube davontrottete.

„Elwin, wir müssen sofort nach Hause! Ich habe die Antwort!“ rief ich überschwänglich, griff den Jungen am Umhang und schleifte ihn eilig die Treppe hinunter, über den Dorfplatz bis zum Herrenhaus und hinunter in die Küche. „Elwin, du hast mich wieder daran erinnert, dass ich Medicus geworden bin, um Menschem retten zu können. Auf der Akademie habe ich oft genau deswegen die Nächte durchgelernt. Und ab und zu habe ich das getan, um meine Konkurrentin Amalthea Bergamotte, diese fiese Schlange, ausstechen zu können und da habe ich ein Kapitel über die seltensten Gifte gelesen. 

„Dein Vater hat die Blauschimmelkrankheit. Die ist sehr selten, weil kaum jemand weiß, wie man sie hervorruft, die Behandlung ist aber ganz einfach.“ erklärte ich ihm kurz angebunden, während wir die Treppe in die Küche hinunterliefen.

„Pfannhäuser, wir brauchen eure Hilfe!“ rief ich, doch die Küche war leer. 

Wahrscheinlich hatte sich Pfannhäuser auf dem Strohlager im Vorratsraum auf‘s Ohr gelegt, das ich am Vortag entdeckt hatte. Dann musste ich mir die Zutaten eben selbst zusammensuchen. Fieberhaft öffnete ich nacheinander alle Schränke, Fässer, Kisten und was sonst noch in der Küche stand. Man brauchte nicht viel, um das Gift zu brauen, das die Blauschimmelkrankheit auslöste, im Grunde reichten Fingerhut, Petersilie und eine bestimmte Art von Pilzen, die in diesen Teilen der Welt sehr selten waren, denn sie wuchsen eigentlich nur in der Wüste und in heißen und trockenen Gebieten. Das Gegengift war noch einfacher zu brauen, wenn man denn wusste, wonach man suchen musste. Man konnte es aus Ziegenmilch, gemahlenen Haselnüssen und einem Brennnesselsud zubereiten - ziemlich ekelhaft, aber besser als zu sterben und von Pfannhäusers übrigen „Kochkünsten“ kaum zu unterscheiden. 

In den Schränken fand ich lauter seltsames Zeug, das mich in meinem Entschluss, niemals etwas aus Pfannhäusers Küche zu essen, nur bestärkte. Ich entdeckte ein großes Glas mit etwas, das aussah, wie getrocknete Hühnerfüße, ein Bündel Rattenschwänze, eingelegte Frösche und allerlei andere Sachen, die definitiv nicht in eine Küche gehörten. Die gegorene Ziegenmilch und die Brennesseln fand ich schnell, doch gemahlene Haselnüsse konnte ich nirgendwo entdecken. Immer tiefer arbeitete ich mich in den Raum hinein und öffnete jedes Gefäß, das ich finden konnte. Ich hatte mich gerade so weit in ein großes Fass hineingebeugt, dass ich gerade noch auf Zehenspitzen stehen konnte, als ich sowohl gemahlene Haselnüsse als auch die besagten Wüstenpilze fand. Verwundert betrachtete ich die großen, violetten Pilze. Pfannhäuser musste sie für eine besonders wohlschmeckende Zutat gehalten haben. Auf der anderen Seite wirkte das Gift nur wenige Tage und musste dann erneuert werden, außerdem war keiner der anderen Bewohner krank geworden. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Eilig stopfte ich die Pilze zurück in das Fass und schloss den Deckel. 

„Elwin, bitte stell doch schonmal einen Topf auf den Herd.“ rief ich aus dem hinteren Ende der Küche und hörte kurz darauf ein lautes Klirren und Poltern. Elwin hatte gleich alle Töpfe auf einmal heruntergeworfen. 

„Ooh Elwin.“ murmelte ich kopfschüttelnd. 

Dann hörten wir auch schon Stimmen aus dem unteren Stockwerk. 

„Oh Aren, was war das bloß?“ vernahm ich die kalte Stimme der Gräfin. 

„Mam...“ wollte Elwin zurückrufen, doch ich hielt ihm energisch den Mund zu. 

„Ich gehe nachschauen, mein Schatz!“ trompetete Aren und ich hörte ihn schwerfällig die Treppe hinauf stapfen. 

Erneut dachte ich an das Strohlager im Vorratskeller und kam mir unglaublich naiv vor, natürlich hielt Pfannhäuser dort kein Nickerchen. Er traf sich dort unten heimlich mit der Gräfin. Das hieß aber auch, dass er die Pilze definitiv nicht aus Versehen verwendet hatte. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. 

Ich nahm die Hand von Elwins Mund und er schaute mich aus riesigen verständnislosen Augen an. 

„Elwin, das Leben deines Vaters liegt jetzt in deinen Händen. Du musst so schnell wie möglich den Büttel holen - und Pfannhäuser darf dich nicht sehen. Hast du das verstanden?“ 

Elwin nickte eifrig und war schon aus der Küche verschwunden, als Pfannhäusers dickes rotes Gesicht auf dem Treppenabsatz erschien. Im Zwielicht der Küche konnte er mich nicht deutlich erkennen. Ich nutzte die Chance und warf die Zutaten in den Topf, bevor er sie sehen konnte, denn wenn er wusste, wie man jemanden so vergiftet, dann würde er auch das Gegengift erkennen. Eilig griff ich nach Salbei und kippte eine ganze Karaffe voller Ochsenblut und zwei Hände voll Muskatmehl in die Suppe. Der Graf tat mir jetzt schon leid und ich konnte nur hoffen, dass die Zutaten auch so ihre Wirkung entfalteten, doch ich durfte mich auf keinen Fall von Pfannhäuser erwischen lassen. 

„Ach, ihr seid das!“ atmete Pfannhäuser sichtlich erleichtert aus. 

„Es tut mir leid, Pfannhäuser, mir ist gerade ein altes Hausrezept eingefallen, eine rote Salbei-Suppe, die hat meine Großmutter immer gemacht und ich wollte nichts unversucht lassen, um den Grafen zu retten.“ erklärte ich unschuldig. 

Pfannhäuser musste mich für besonders dumm halten, denn er lächelte  nur nachsichtig. 

„Ich wünsche viel Glück.“ sagte er mit Blick in den Topf, doch ich konnte den Anflug eines siegesgewissen Lächelns in seinen Mundwinkeln erkennen. 

Pfannhäuser hielt mich zum Glück für keine weitere Gefahr und verabschiedete sich nach wenigen Minuten wieder in den Vorratskeller. Er war sich seiner Sache wohl sehr sicher. Ich kochte derweil die Suppe zu einem dickflüssigen Sud und beeilte mich, schnell zum Grafen hinauf zu gehen.

 Der Graf lag in seinem Bett und sah genau so tot aus, wie am Vortag und mich verließ fast wieder der Mut. Doch dann besann ich mich auf meine Aufgabe als Medicus, ich musste es wenigstens versuchen. Ich hockte mich also neben das Bett und begann, dem Grafen das widerliche Gebräu einzuflößen. Seine Augen öffneten sich so plötzlich, dass ich vor Schreck einen Löffel voll heißer Suppe in seinem Gesicht verschüttete. 

„He!“ der Graf richtete sich empört auf. „Was soll das, wer seid ihr und was zum gammeligen Grimmeling macht ihr in meinem Schlafzimmer?“ fragte er, sichtlich verärgert. 

„Wolfjan Krautson mein Name, ich bin Medicus und wurde gerufen, weil Ihr vergiftet worden seid.“ erklärte ich ruhig. 

„Ach wo, vergiftet, ich könnte Bäume ausreißen.“ meckerte der Graf, der in den letzten Minuten um mindestens drei Jahrzehnte jünger geworden war. 

„Natürlich geht es Euch besser, ich habe Euch doch geheilt. Und jetzt müsst Ihr dringend diese Suppe weiter trinken!“ eindringlich schob ich ihm den Topf hin, wir hatten nicht mehr viel Zeit. 

„Das widerliche Gebräu trinke ich auf gar keinen Fall!“ polterte der Graf. 

Draußen hörte ich bereits Schritte auf dem Gang. Das waren sicherlich Pfannhäuser und die Gräfin und wenn sie sehen würden, dass der Graf wieder bei Bewusstsein war, würden sie uns beide umbringen. 

„Bitte Graf, wir müssen hier weg, euer Koch und eure Frau wollen Euch umbringen!“ keuchte ich atemlos, während ich mit dem Grafen rang, doch mit einer unbedachten Bewegung goss ich dem Grafen den ganzen Topf über und die Suppe, die vor allem aus verklumptem Blut bestand, ergoss sich über sein Gesicht. 

In diesem Moment flog die Tür auf. Die Gräfin, noch bleicher, wenn das überhaupt möglich war, stieß einen erscheckten Schrei aus. 

„Sie haben meinen Mann getötet!“ schrie sie. 

„Von wegen tot, ich fühle mich quicklebendig, tausenddonner!“ rief der Graf und die Gräfin schrie noch entsetzter. 

Doch in diesem Moment polterten zwei Büttel, gefolgt von Elwin in das Schlafzimmer. 

„Er hat meinen Mann getötet!“ schrie die Gräfin und deutete anklagend mit dem Finger auf mich. 

„Ich habe ihn geheilt.“ rief ich ungeduldig, wie oft musste ich das heute noch sagen?  

„Ich bin nicht tot!“ brüllte da gleichzeitig der Graf und begann, sich mit seinem Laken durchs Gesicht zu wischen. 

„Was ist denn hier los?“ polterte der ältere der beiden Büttel. 

„Mama hat mit Pfannhäuser geschlafen und dann haben sie gemeinsam Papa vergiftet!“ meldete sich da Elwin bestimmt und deutete mit bebendem Finger auf die beiden Verdächtigen. 

„Elwin, du bist ja fixer, als ich dachte!“ sagte ich anerkennend und die beiden fesselten den Koch und die Gräfin an den Händen. 

„Hängt sie beide auf!“ schrie der Graf wütend. Hinter ihnen kam noch eine Person durch die Tür und blickte in die bunt zusammengewürfelte Runde. 

„Ne! Ich häng keinen auf, ich hab keen Lust mehr, Leute umzubringe - egal, ob se schuldig sin oder net! Ich kündige und werde Tänzer. Im Männertanzquartett im Nachbarort wird ein starker Mann jesucht“, verkündete der Henker, warf sein Beil auf den Boden und kehrte uns unseren erstaunten Gesichtern den Rücken. 

„Na dann… jagt sie einfach fort“, seufzte der begossene Graf ergeben. „Henker sind ja in heutiger Zeit so unglaublich schwer zu finden.“ 

erklärte er und die Büttel nickten verständnisvoll, dann führten sie das sich noch immer windende Pärchen ab. Anschließend wandte sich der Graf wieder mir zu. 

„Und ihr… dass ihr dieses Spiel durchschaut habt, meinen Respekt. Ihr seid ein heller Kopf! Aus Dank für meine Rettung vertraue ich euch lieber Medicus meinen Sohn Elwin an. Er taugt nicht dazu, sein Leben auch in diesen verwitternden Mauern zu verbringen. Er soll Sie ein Jahr begleiten und dann auf die Akademie gehen.“ erklärte der Graf salbungsvoll und sichtlich stolz auf sich selbst. 

„Was? Zum Dank?“ keuchte ich ersetzt und mir fiel die Kinnlade herab, während ich den Grafen musterte, dem jedoch nur ein Lächeln um die Lippen spielte und auf seinen Sohn blickte.

„Ach toll, Vater!“ rief Elwin in diesem Moment, „ich werde Medicus!“


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